第19話: Kapitel 18

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Die Luft in der Klinik ist kalt und scharf wie ein sauber gezogener Schnitt. Flure aus Glas, Eisen, das aussieht wie Silber, und Licht. Alles hier glänzt, spiegelt, blendet mich. Ich ziehe fröstelnd die Schultern hoch.

Neben mir spricht Marit mit einer Frau, die hinter einer halbmondförmigen, schulterhohen Wand aus Licht, Holz und Glas thront wie eine Zöllnerin am Tor einer unbekannten Welt.

Ich sehe, wie Marit ihre Tasche auf den Tresen stellt. „Ich habe einen ärztlichen Bericht dabei. Der Kollege empfiehlt dringend eine neurologisch psychiatrische Abklärung.“

Die Frau nimmt das Papier, wirft nur einen flüchtigen Blick darauf.

„Ihre Versicherungskarte bitte.“

Ich sehe, wie Marit zögert, die Frau blickt hoch zu ihr.

„Wie ist sie versichert?“

„Im Moment ist das unklar. Die Unterlagen sind in Bearbeitung. Sie wird aus einer … Sondersituation heraus übernommen. Das klärt sich in Kürze.“

Die Frau schüttelt den Kopf. „Ohne gültige Versicherungskarte oder Kostenzusage von der Krankenkasse läuft hier gar nichts.“

Marit presst die Lippen zusammen. „Sie ist in einem instabilen Zustand. Wollen Sie sie ernsthaft wieder nach Hause schicken?“

„So leid es mir tut. Ich arbeite nach Vorschrift.“

Ich spüre, wie sich Marit anspannt. „Könnten Sie vielleicht …“

„Nein. Könnte ich nicht.“

Ich trete einen Schritt zurück. Meine Knie geben nach. Ich setze mich auf eine Bank aus hellem Holz hinter Marit und der schrecklichen Frau.

Ich verstehe nur Bruchstücke, einzelne Worte wie Kiesel auf einem fremden Weg. Aber der Tonfall, das Flackern in Marits Stimme, das scharfe Schnappen der anderen, es ruft etwas in mir wach. Etwas Altes. Etwas, das nach Rauch riecht, nach Bier, nach Verrat.

Ich blinzele.

Der blendende Flur fließt weg. Die Stimmen versickern. Etwas anderes schiebt sich in mein Bewusstsein. Etwas, das nicht hierhergehört.

Der Wind weht vom Meer her, salzig und schwer. Das Dorf liegt in Dämmerung. Ich höre sie schon von Weitem: die Stimmen aus dem Schenkenhof, das Grölen, das Klirren der Krüge, den Pferdegeruch, den Tang.

Ich trete über die Schwelle. Die Luft ist warm, stickig, voller Rauch. Überall Gesichter, rot, vernarbt, zerfurcht von Wetter und Trunk.

Und mittendrin: Matthes.

Mein Mann, Matthes.

Er sitzt auf einer Bank, als gehöre ihm der Platz. Auf seinem Schoß hockt eine Frau mit runden Hüften, rotbemalten Lippen und Haaren wie altes Heu. Ihr grobes Leinenhemd ist weit geöffnet, eine Brust quillt hervor, fleischig und ohne Scham. Seine Hand liegt darauf. Knetet die Brust, ich kenne diesen Griff und seinen Blick auf das Weib.

Der Krug in ihrer Hand ist aus dunklem Ton. Sie gießt ihm Wein in den offenen Mund. Er trinkt, wehrt sich nicht. Der Wein läuft ihm über die Lippen, tropft auf sein Hemd.

Er lacht nicht. Aber er tut auch nichts.

„Wieder een Krug för’n Fischer!“, ruft jemand, ein Händler mit Apfelwangen.

„Laat de Dirn nich aflaten!“, grölt ein anderer.

Ich erstarre.

Ich sehe die Wirtin. Groß, breitschultrig, mit einem Lappen über dem Arm, den Blick kalt wie ein Februarfrost. Sie erkennt mich sofort.

„Wat glotzt du denn so? Hau af, Weib!“

„Ick …“

„Dis is nix för dünnhäutige Kräuterheilerinnen. Hier geiht dat um Männerdinge. Husch, husch!“

Die Männer lachen. Einer wirft mit Fischgräten ein anderer pfeift.

Ich drehe mich um. Laufe raus in die Kälte. Bloß weg.

Die Gassen sind leer. Nur der Nebel streift mich wie ein Tier. Ich stolpere, falle, rapple mich wieder hoch. Tränen laufen mir über das Gesicht, aber ich merke sie kaum.

Das ist nicht Matthes. Nicht der Mann, der mit mir durch Sturm und Schlaflosigkeit gegangen ist.

Etwas hat ihn verändert. Etwas Dunkles treibt sich um in ihm.

Als ich das Haus erreiche, liegt Stille darin. Eine Stille, fein wie Staub, der sich über alles legt. Nur das Knacken des Ofens. Und dahinter das leise Rauschen des Meeres, als würde die Welt selbst flüstern.

Im Türrahmen steht Alina. Barfuß. Ihr Haar fällt offen über die Schultern, im Schatten wirkt es dunkel und weich. Sie ist wach, aber sagt kein Wort, sie sieht mich nur an, ganz still.

Mir bricht fast das Herz, sie ist doch noch ein Kind. Und weiß dennoch mehr, als sie sollte. Noch sind ihre Züge weich und lieblich, jedoch ist die maßlose Enttäuschung über ihren Vater unverrückbar darin zu lesen.

An ihren Fingern klebt noch weißer Mehlstaub.

Sie tritt näher. Hebt das Kinn ein wenig. Als wolle sie sagen: Ich habe erkannt, dass es im Leben nicht nur Licht gibt. Und ich sehe dem Schmerz ins Gesicht.

Sie schaut mich an. Ruhig. Durchdringend. Sie muss nichts sagen. Sie weiß es längst.

Ich bleibe stehen. Zittere vor Scham, Schmerz, Wut. Kein Wort kommt über meine Lippen.

„Du brauchst nich sägen, Moder. Ick weet, wat du gesehn hest. Aber ick krieg rut, wat mit Vater is. Dat schwör ick dir.“

Ich schließe die Augen. Und lasse mich fallen in die Stille, die sich wie ein Mantel um mich legt.

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