第33話: Kapitel 32

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Das Steak zischte noch leise auf dem heißen Lavastein, als hätte es Mühe, sich von der Glut des Grills zu verabschieden. Auf dem schweren Holztisch standen zwei Teller, darauf je ein Stück saftiges Fleisch, Speckbohnen, mediterranes Gemüse, ein Salat des Hauses mit Rucola, und feinem Dressing. Daneben: goldgelbe Rosmarinkartoffeln, außen knusprig, innen weich.

Im Rosmarin’o Steakhaus am Rostocker Hafen herrschte gedämpfte Betriebsamkeit. Draußen auf der Terrasse saßen die meisten Gäste, genossen den Sonnenschein und den Blick aufs Wasser. Drinnen war es ruhiger: warmes Holz, schwere Tische, gedimmtes Licht, und von draußen drang nur das gedämpfte Tuten eines Frachters herüber. Durch die geöffneten Fenster wehte eine salzige Brise, Möwen riefen in der Ferne.

„Mein Gott, ist das lecker“, murmelte Konrad Vohwinkel mit vollem Mund. Fast zärtlich glitt sein Steakmesser durch das butterzarte Fleisch, als wolle er sich bedanken, dass es so bereitwillig nachgab.

Pater Adrians rundes Gesicht hatte vor Genuss und Freude gerötete Wangen. Er trug eine goldgeränderte Brille und wirkte in seinem olivgrünen Strickpullover eher wie ein pensionierter Literaturprofessor als wie ein Theologe. Er lächelte, wischte sich mit der Serviette den Mund ab und nickte genüsslich.

„Ja, nicht wahr? Als hätte der Herrgott persönlich für uns gekocht.“

Konrad grinste. In der Gegenwart des Paters fiel ihm alles ein wenig leichter.

„Was hast du gerade eben gesagt?“

„Ich sagte: Mein Gott, Konrad, das sind jetzt bald zehn Jahre her, dass Leni dich verlassen hat. Sie ist längst wieder verheiratet, und du trippelst immer noch von einem Fuß auf den anderen. Diese Marit ist doch ein tolles Mädchen, genau dein Jahrgang.“

Konrad grinste schief. „Du kennst dich ja auch so gut aus, nicht wahr?“ Er spielte deutlich auf das Zölibat an.

Adrian schnaubte. „Ich habe vielleicht keine Frau, aber Augen im Kopf habe ich schon.“

Konrad schmunzelte. „Apropos Augen! Du weißt ja, ich möchte, dass du dir etwas anschaust …“

Adrian stellte sein Teller mit Besteck beiseite, nickte und sagte: „Jaja, es geht um mehr als ein gutes Essen. Sonst hätte ich die Handschuhe nicht eingesteckt.“

Er griff in seine Umhängetasche, holte zwei sorgfältig gefaltete weiße Baumwollhandschuhe hervor und legte sie zwischen sich auf den Tisch. „Hier. Ein Paar für dich.“

Konrad nahm sie mit einer hochgezogenen Augenbraue entgegen und grinste schief. „Ich habe meine Bankkarte dabei, wir brauchen kein Silber zu polieren.“

Ein fast schelmisches Funkeln trat in Adrians Augen. „Am Telefon hast du gesagt, du hättest ein wertvolles Relikt, das ich unbedingt sehen müsse. Da gehe ich doch nicht ohne Handschuhe aus dem Haus.“

Konrad stellte ebenfalls Teller und Besteck beiseite, wischte sich die Finger an der Serviette ab und griff in seine Umhängetasche. Plötzlich war er ernst. „Ja! Ich habe etwas gefunden, dass du sehen musst.“

Er holte ein kleines schwarzes Buch hervor, eingeschlagen in klare Schutzfolie, und hielt es mit beiden Händen so, dass Adrian die erste Zeile auf dem Einband lesen konnte. Die Schrift war lateinisch, fein, fast unscheinbar:

Ordo Silentii. Initium in tenebris, finis in carne. Solum Deus loquitur.

Adrians Gesicht verlor augenblicklich seine Farbe. „Orden der Stille. Der Anfang liegt im Dunkel, das Ende im Fleisch. Nur Gott spricht!“

Gabel und Messer fielen klirrend auf den Teller, einige Gäste drehten sich kurz um.

„Wo hast du das her?“, flüsterte Adrian.

„Das wäre jetzt zu viel des Guten.“ Konrad wich aus.

„Du hast keine Ahnung, was du da in der Hand hältst.“ Adrians Stimme war tief und fest. „Das ist ein Exemplar des sogenannten Codex Silentii. Schweigekodex. Niemand durfte jemals über das, was er sah oder erlebte, reden, alles wurde in so einem Buch anvertraut. Es soll nur eine Handvoll davon gegeben haben. Alle beginnen mit denselben Worten in Latein, in goldener Tinte, manche sogar mit echtem Blattgold geschrieben. Ich habe sie einmal in einer alten Abschrift gesehen, in der vatikanischen Bibliothek.“

Er sah Konrad an, als prüfe er, ob er dessen Ernst verstand. „Dort hieß es: Et mors cessabit. Et ego ero initium. ‚Und der Tod wird enden. Und ich werde der Anfang sein.‘“

Konrad nickte langsam. „Das steht hier auch. Ganz vorn.“

Adrian flüsterte fast. „Siehst du. Es ist ein Schlüsseltext. Aber im Inneren … unterscheiden sich die Bücher. Es sind keine Gebetsbücher, sondern Aufzeichnungen. Protokolle. Pläne. Zeichnungen. Von den Versuchen.“

„Von welchen Versuchen?“, fragte Konrad leise.

Adrian sah sich kurz um. Er nahm das schwarze Buch, das noch immer in seiner Schutzfolie lag, und zog es mit einem sachkundigen Griff ein Stück heraus. „Sei bloß vorsichtig. Bitte. Wenn das echt ist, werden Museen und Sammler dir richtig was zahlen. Es ist ein heiliger Gral für Historiker. Oder besser gesagt: ein unheiliger.“

Gemeinsam öffneten sie das Buch. Ein Geruch von altem Leder, Staub und etwas Bitterem stieg auf, wie eine konservierte Ahnung von Verfall.

Zwischen vergilbten Seiten tauchten Tabellen auf, Symbole, alchemistische Formeln und dann: die grobe Zeichnung eines menschlichen Schädels. Daneben kleine Skizzen, wie die Schädeldecke geöffnet wurde. Auf einer weiteren Zeichnung ein Gesicht mit weit aufgerissenen Augen, der Mund zu einem stummen Schrei verzerrt.

Konrad hielt die Luft an. „Der lebte ja noch.“

„Ja“, sagte Adrian ernst. „Es ging nie um Heilung. Sie wollten den Moment zwischen Leben und Tod festhalten. Das ‚Ich‘ einfangen.“

Weitere Seiten zeigten geometrische Muster, lateinische Begriffe: Translatio animae – Übersetzung der Seele. Vita ficta – ein fiktives Leben. Corpus novum – ein neuer Körper.

„Ja. Aber das war nie ein echter Orden“, sagte Adrian leise. „Der sogenannte Ordo Pacis Benedicti, wie er auf einigen Dokumenten genannt wird, war eine Fassade. Ein Deckmantel. Das Monasterium Pax Viventium, das Kloster des Lebendigen Friedens, welches um 1231 erbaut wurde, war nie ein Ort des Glaubens. Man munkelt, die katholische Kirche wusste nichts davon, genauso wenig wie die Stadträte und die Bischöfe. Es wird behauptet, dass man sie aber hat gewähren lassen, natürlich gegen die entsprechende Entlohnung: Gold, Einfluss, Machtversprechen.“

„Natürlich.“ Konrad trank an seiner kühlen Limonade. „Und die Mönche?“

„Die waren ahnungslos. Das waren wirklich alles fromme Männer, die jüngsten Söhne von Bauern oder Handwerkern. Die Eltern glaubten, sich so einen Platz im Himmel erkaufen zu können.“

„Sagt man“, warf Konrad ein.

„Genau.“ Adrian trank ebenfalls einen Schluck von seiner Cola. „Sagt man! In Wahrheit wussten die Eltern mit ihren jüngsten Kindern meistens nichts anzufangen. Der Älteste erbte den Hof, die mittleren Kinder zog es oft weg in die Ferne, oder sie mussten dem Ältesten auf dem Hof helfen. Also was tun mit den Jüngsten? Man schickte sie gerne in die Klöster.“

Konrad wollte etwas sagen und öffnete den Mund.

„Ist so!“ Adrian schnitt ihm das Wort ab. „Jedenfalls, der eigentliche Kern des Ordens bestand hauptsächlich aus Besuchern: Alchemisten, Ärzten, Gelehrten und sogar reichen Kaufleuten, die sich einkauften, um zu forschen. Sie experimentierten mit Toten. Mit Tieren. Vor allem mit Sterbenden.“

Konrad schluckte. „Sie wollten Unsterblichkeit.“

„Genau.“

„Für mich klingt das nach Sadismus!“

„Fanatiker, Sadisten, aber auch Menschen, die daran glaubten, die Schöpfung zu überlisten. Sie waren alles, nur nicht gläubig.“ Adrian sah, wie Konrad ungläubig auf das Buch starrte. „Das ist kein Märchen, Konrad. Das ist Geschichte. Dunkle Geschichte.“

Adrian schloss das Buch, wie man einen Sargdeckel schließt, und machte das Kreuzzeichen. „Es heißt, es gäbe nur noch drei Exemplare. Aber vielleicht sind das alles nur Gerüchte. Eines soll sogar im Vatikan sein, eines in einer Privatsammlung in Südamerika, eines angeblich in einem Bunker unter der US-Ostküste. Dass das nicht stimmen kann, beweist ja das Exemplar hier vor uns. Wer weiß also schon, wer diese Bücher alles besitzt und wieviele Exemplare es heute überhaupt noch gibt? Niemand!“

Er sah Konrad an. „Das hier ist kein Fundstück. Es ist eine Einladung. Oder eine Warnung. Lass es besser nicht aus den Augen.“

Konrad nickte. „Versprochen.“

„Und jetzt“, sagte Adrian und lächelte schwach, „brauchen wir einen Espresso. Einen doppelten.“

„Ich nehme Calvados.“

Sie lachten leise, beide wissend, dass sich gerade etwas verändert hatte.

Draußen glitzerte das Meer. Möwen kreisten.

Adrian musterte Konrad. „Da ist doch noch etwas. Du hast gesagt, du müsstest mir noch etwas anderes erzählen!“

„Ja“, sagte Konrad. Er beugte sich vor und erzählte von Sina, von ihrer Sprache, ihren Erinnerungen, dem Symbol, das sie trägt.

Adrian hörte lange zu, dann lehnte er sich gegen die gemütliche Polsterung zurück und sagte: „Ich dachte, das seien Legenden. Aber wenn das stimmt … vielleicht hat nie jemand aufgehört, daran zu forschen.“

Bevor sie weiterreden konnten, vibrierte Konrads Handy. „Sven? … Was? … Seit wann?“ Seine Miene wurde hart. „Sina ist verschwunden.“

Adrian erstarrte.

Konrad stand auf, griff nach seiner Jacke. „Marit sagt, sie war am Morgen völlig benommen. Sie haben gesucht, Polizei und Küstenwache eingeschaltet. Nichts.“

„Fahr! ich zahle“, sagte Adrian. „Los jetzt.“

Konrad zögerte einen Moment, er griff nach seiner Tasche mit dem Buch. „Beim nächsten Mal zahle ich!“

Adrian sah ihm nach.

Hinter den Scheiben spiegelte sich das Meer. Ruhig. Wie eine glänzende Lüge.

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