Rozdział 17: Alma – Das Kleid

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Wenn ich Rose finden will, darf ich nicht weiter trödeln.

Der Gedanke sitzt wie ein kleiner Stein unter meiner Zunge. Immer da. Selbst jetzt, wo Aelyr sich um mich legt wie ein warmer Schal.

Eira geht neben mir. Sie trägt ein einfaches blau geblümtes Kleid, darüber eine weiße Rüschenschürze, als wäre sie gerade aus einer Küche getreten, in der es nach Butter und Geduld riecht. Ihre Schritte sind ruhig. Als hätte sie alle Zeit der Welt.

Ich nicht.

Lirien fliegt dicht neben mir her, mal vor, mal zurück, als müsste sie mich im Blick behalten.

Dann schwebt sie plötzlich tiefer, greift nach meiner Hand und legt ihre kühlen Finger an mein Handgelenk. Sie prüft in letzter Zeit gerne meinen Herzschlag, ich lasse es zu.

„Du bist heute still“, murmelt sie.

„Ich bin nicht still“, sage ich. „Ich bin nur… schnell.“

Eira lächelt, ohne mich anzusehen.

„Du warst doch nie schnell, Alma.“

„Dann wird es Zeit.“

Wir gehen über einen Weg, der nicht wirklich Straße ist und trotzdem wirkt, als hätten unzählige Schritte ihn weichgetreten. Rechts und links blühen kleine Pflanzen, die ich nicht kenne. Sie sehen aus wie Gänseblümchen, nur dass ihre Blütenblätter in einem ganz zarten Blau schimmern, als hätten sie den Himmel in sich behalten.

Wie von Zauberhand verändert sich Aelyr.

Eine kleine Ladenzeile taucht auf. Für einen Moment glaube ich, sie habe sich aus dem Nichts gefaltet. Ein paar Häuserfronten, schmal, dicht an dicht, mit Fenstern, in denen Licht steht. Über einer Tür schwingt ein Schild, das im Wind leise klappert, obwohl kein Wind geht.

Ein Blumenladen.

Vor der Tür stehen Eimer mit Sträußen. Ihre Blüten tragen noch immer dieselbe Frische wie am ersten Tag. Rosen in einem dunklen Rot, das nicht nach Blut aussieht, sondern nach Versprechen. Lilien, so weiß, dass sie fast durchsichtig wirken. Kleine gelbe Blüten, die mich an Sommer erinnern, obwohl es hier keinen Sommer geben muss.

Ich bleibe stehen.

„Die riechen wie…“, beginne ich.

„Wie Zuhause“, sagt Eira leise.

Ich schlucke.

„Ja.“

Neben dem Blumenladen ist ein Kaffeehaus. Kein richtiges Café mit Tischen, eher ein kleiner Laden, warm und dunkel, mit einem Fenster voller Säcke. Jute, grob gewebt, bedruckt mit Namen, die ich nicht aussprechen kann.

Colombia.

Peru.

Ecuador.

Brasil.

Und es ist, als würde der Duft nicht aus dem Laden kommen, sondern aus der Erinnerung selbst. Stark. Süß. Bitter. Ein Geruch, der einen wach macht, auch wenn man nicht müde ist.

„Ich wusste gar nicht, dass Aelyr eine Kaffeerösterei hat“, sage ich.

Lirien hebt den Kopf, als hätte sie mich ertappt.

„Aelyr hat alles, was du vermisst.“

„Dann hat es auch Rose“, flüstere ich.

Eira antwortet nicht sofort. Sie bleibt stehen, dreht den Kopf ein wenig, als würde sie etwas hören, das nur sie hört.

„Vielleicht“, sagt sie dann, „hat Aelyr sie schon längst.“

Ich will nachfragen, aber da zieht mich ein anderer Geruch weiter.

Hefe.

Warm. Süß. Lebendig.

Eine Bäckerei, klein und hell, mit einem Fenster, das beschlagen ist, obwohl es draußen nicht kalt ist. Dahinter liegen Teilchen. Ihre Oberfläche glänzt warm und goldbraun, ganz frisch aus dem Ofen. Zimtkringel. Kleine Plunderstücke mit glänzender Glasur. Etwas, das wie Apfeltasche aussieht, nur feiner.

Lirien schießt nach vorn, zieht einen kleinen Kreis über dem Weg, als würde sie eine unsichtbare Linie in die Luft schreiben. Dann bleibt sie abrupt stehen, mitten im Flug und schaut mich an, als müsse ich endlich begreifen.

„Ich war überall“, sagt sie zufrieden. „Überall, wo es gut roch.“

Ich atme aus, ohne es zu merken.

„Du bist unmöglich.“

„Ich bin konsequent“, korrigiert sie mich. „Und du bist zu ernst.“

Eira wirft mir einen kurzen Blick zu, der nicht spöttisch ist, eher warm.

„Sie hat recht“, sagt sie. „Du läufst, als würdest du etwas verlieren, wenn du stehenbleibst.“

Ich antworte nicht.

Aber mein Schritt wird langsamer. Nur einen Hauch.

Eira bleibt stehen. Ihr Blick wandert weiter, sie schien gefunden zu haben, nachdem sie gesucht hat.

„Da.“

Ein Geschäft mit Bekleidung.

Obwohl das Wort eher unpassend ist, für das, was ich da sehe. Es ist kein Laden wie früher. Kein Schaufenster mit Puppen. Keine Kleiderstangen, die knarzen. Es ist eher…, eine offene Tür, hinter der Licht fließt. Und Stoff. Und Glanz.

Drinnen bewegen sich Gestalten.

Feen.

Sie sind groß, schlank, schillernd. Ihre Haut hat einen Ton, den man nicht hell nennen kann, weil er nicht menschlich ist. Eher wie Perlmutt. Ihre Haare sind wie Wasser, das man festhalten kann. Silbrig, manchmal mit einem Hauch von Rosé oder Rauchgrau. Und ihre Augen…, als hätten sie nie gelernt zu blinzeln, weil sie nichts verpassen wollen.

Sie tragen lange, schmale Gewänder, die an den Säumen glitzern, als wäre dort Staub von Sternen hängen geblieben. In ihren Händen halten sie Zauberstäbe. Nicht kitschig. Nicht wie im Märchenbuch. Dünne Stäbe aus hellem Holz, an der Spitze ein kleiner Kristall, der im Licht pulsiert, als hätte er einen eigenen Herzschlag.

Eine Kundin steht mitten im Raum. Ein junges Mädchen mit dunklen Locken, die ihr über die Schultern fallen. Sie sieht verlegen aus, als wüsste sie nicht, wohin mit ihren Händen.

Eine der Feen hebt den Stab.

Ein leises Klingen.

Und plötzlich legt sich Stoff über den Körper des Mädchens, als wäre er schon immer da gewesen. Kein Anziehen. Kein Zerren. Kein Reißverschluss. Das Kleid ist einfach da. Sitzt. Passt. Fällt. Alles ist perfekt.

Das Mädchen schaut an sich herunter, und in ihrem Gesicht passiert etwas, das mich an ein Weihnachtsfest erinnert. Ich war fünf oder sechs Jahre alt gewesen, und ich bekam die wunderschöne Puppe, die ich mir gewünscht hatte. Erst viel später war mir bewusst, dass mein Vater Extraschichten im Bergwerk hatte leisten müssen, damit ich diese Puppe bekam.

Lirien schnippt mit den Fingern vor meinem Gesicht. „Wo bist du denn gerade?“

Eira hält Lirien die Hand hin, damit sie darauf Platz nehmen kann. „Sie ist einer wundervollen Erinnerung.“

Ich sehe immer noch das junge Mädchen vor mir. Dieses kurze, ungläubige Staunen. Wofür will sie dieses Kleid? Trifft sie sich mit Jemandem? Vielleicht zum erst Mal.

„Das Kleid und das Mädchen, im perfekten Einklang“, flüstere ich. „Wie geht das? Das kann doch nicht wahr sein.“

Lirien fliegt an meinem Ohr vorbei.

„Doch“, sagt sie. „Das ist Aelyr.“

Eira legt ihre Hand in meinen Rücken, ganz leicht, als würde sie mich schieben, ohne zu schieben.

„Komm“, sagt sie. „Du bist dran.“

„Nein“, sage ich sofort. „Ich habe keine Zeit.“

„Doch“, sagt Eira ruhig. „Du hast Zeit für das Richtige.“

Ich sehe sie an.

„Und was ist das Richtige?“

Eira schaut mich an, als wäre die Antwort so einfach, dass sie wehtut.

„Du heiratest Edward.“

Ich lache kurz. Ein Laut, der nicht weiß, ob er Freude oder Angst sein soll.

„Ich suche Rose.“

„Und ich sage dir“, antwortet Eira, „du wirst sie nicht finden, wenn du dich selbst vergisst.“

Lirien schwebt einen Moment still in der Luft, genau vor meinem Gesicht.

Dann legt sie die Handflächen aneinander, als würde sie bitten.

„Bitte“, flüstert sie. „Nur gucken.“

„Nur gucken“, wiederhole ich und gehe mit ihnen hinein.

Die Luft in dem Laden ist anders. Weicher. Als würde sie mich ausziehen, bevor ich überhaupt ein Kleid anfasse.

Eine Fee tritt auf mich zu. Ihre Schritte machen kein Geräusch. Ihre Stimme klingt wie Seide, die über Holz streicht.

„Alma“, sagt sie.

Ich zucke zusammen.

„Woher…?“

Sie lächelt nur.

„Du darfst wählen.“

Eira verschränkt die Arme. Nicht streng. Eher… zufrieden.

„Sie darf alles wählen“, sagt sie.

„Alles?“, frage ich.

Lirien kichert.

„Alles.“

Ich schaue mich um.

Kleider hängen nicht an Stangen. Sie schweben. Leicht über dem Boden, als hätten sie keine Schwerkraft. Weiß, Creme, zartes Rosé. Manche sind schlicht. Andere so reich bestickt, dass man sich fragt, ob jemand dafür sein Leben lang genäht hat.

Ich gehe langsam daran vorbei.

Und dann sehe ich es.

Ein Kleid, das nicht schreit.

Es wartet.

Weiß. Aber nicht kalt. Eher wie frischer Schnee, der noch nicht betreten wurde. Der Stoff fällt weich, ohne schwer zu sein. Die Ärmel sind aus feinem Tüll, und am Saum sind kleine Stickereien, winzige Blüten, kaum sichtbar, als hätte jemand sie heimlich dort versteckt.

„Das“, flüstere ich.

Eira nickt, als hätte sie es gewusst.

„Natürlich das.“

Ich hebe die Hand, berühre den Stoff.

Und im selben Moment ist es, als würde das Kleid nicht auf meine Hand reagieren, sondern auf das, was ich mit mir trage.

Der Saum hebt sich kaum sichtbar, ein winziges Zittern, als hätte etwas darin kurz Luft geholt.

Dann flackert es auf.

Nicht grell. Nicht laut.

Nur ein Hauch von Farbe, so fein, dass ich ihn fast übersehe: ein schimmerndes Blau, wie Wasser im Schatten, wie ein irischer Himmel kurz vor Regen. Als würde irgendwo tief im Gewebe eine Erinnerung aufblitzen, die nicht meine sein kann und doch meine ist.

Im Tüll der Ärmel glitzert es, als hätte jemand Saphirstaub hineingestreut.

Nur einen Atemzug lang.

Dann ist alles wieder weiß und still.

Unschuldig, wie ich einst war.

Ich ziehe die Hand zurück, als hätte ich etwas berührt, das mich erkannt hat.

Lirien hält den Mund, und das allein ist ein Wunder.

Eira tritt näher. Sie sieht nicht überrascht aus. Nur wach.

„Es nimmt“, sagt sie leise, „was du nicht aussprechen willst.“

Ich schlucke.

Mein Herz macht einen Sprung, den ich nicht erklären kann.

„Dann…“, flüstere ich, „weiß es ja alles.“

Eira lächelt nicht.

Sie legt nur zwei Finger an den Stoff, als würde sie prüfen, ob er noch warm ist.

„Es merkt sich dich“, sagt sie.

Und plötzlich fühlt es sich an, als wäre dieses Kleid kein Kleid.

Sondern ein Weg.

Eira tritt näher, und ihre Stimme wird so sanft, dass sie fast nicht mehr da ist.

„Manchmal“, sagt sie, „musst du einen Moment lang anhalten… um anzukommen.“

Ich sehe sie an.

„Und wenn ich nicht anhalte?“

Eira lächelt. Nicht fröhlich. Eher wissend.

„Dann läufst du an ihr vorbei.“

„An Rose?“

Eira antwortet nicht sofort.

Sie schaut nur auf meine Hand, die noch immer am Stoff hängt, als müsste sie sich festhalten.

„Vielleicht“, sagt sie dann, „findet sie dich trotzdem.“

Als ich mich umdrehe, sehe ich Eira noch einmal auf den Saum blicken

und ich weiß nicht, ob sie mich ansieht… oder das, was ich für immer vergraben halte.

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