Rozdział 20: Eliza – Der Fund

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Auf dem Speicher ist die Luft wärmer als unten. Staubig, trocken, als hätte sich alles, was man nicht mehr anfassen wollte, hier oben gesammelt und einfach gewartet.

Unter uns hämmern und bohren die Handwerker. Das Geräusch drückt sich durch die Decke, durch die Balken, durch die Stille hier oben. Jeder Schlag lässt das Haus für einen Augenblick zusammenzucken. Danach steht alles wieder still.

Der Speicher muss noch leer werden.

Ich stehe zwischen Kisten und Kartons, zwischen alten Decken, einem eingerollten Teppich, der nach Mottenkugeln riecht, und einem Stuhl, der nur noch deshalb hier ist, weil niemand ihn je wieder runtertragen wollte.

Thomas kommt hinter mir die letzten Stufen hoch und bleibt kurz stehen. Sein Blick wandert durch den Raum, tastet jede Ecke ab.

„Okay“, sagt er. „Dann machen wir jetzt den Rest.“

Ich nicke und hebe den Deckel von der ersten Kiste.

„Unten ist alles raus“, sage ich. „Ich hab nur ein paar Sachen behalten. Eine hübsche Elfe, etwas Schmuck … und die Fotos.“

Er krempelt die Ärmel hoch. Offenbar glaubt er, dass sich dieses Problem mit den Händen lösen lässt.

„Du hast das Haus“, sagt er. „Das ist das Wichtigste.“

Ich seufze leise.

„Ja. Mit der einzigen Auflage, dass ich die Renovierung selbst zahle.“

„Deine Eltern sind konsequent“, murmelt er.

„Mein Vater nicht ganz.“ Ich ziehe eine verstaubte Decke aus der Kiste und falte sie grob zusammen. „Er hat gesagt, das Dach übernimmt er. Und…“ Ich sehe Thomas an. „Eine Solaranlage gibt’s auch.“

Thomas hebt die Augenbrauen.

„Das ist schon mehr als nicht ganz.“

„Ja“, sage ich leise. „Ist es.“

„Was ist mit der Kiste?“ fragt er und tippt mit dem Fuß gegen einen Karton, auf dem mit Filzstift „ALT“ steht.

Ich gehe hin, reiße das Klebeband auf und klappe die Laschen auseinander.

Obendrauf liegen bunte Hochglanzzeitschriften, die zum Lesen einladen wollen. Frauen mit riesigen Frisuren, die mich an die Fotos aus den Sechziger Jahre erinnern.

„Modezeitschriften“, sage ich.

Thomas zieht eine heraus, schaut drauf, verzieht das Gesicht.

„Weg?“

„Weg“, bestätige ich.

Ich werfe die erste Lage in einen großen Müllsack. Es raschelt laut. Als würden die Jahre protestieren.

Thomas zieht die nächste Kiste heran.

„Und das?“

Ich öffne sie. Alte Weihnachtsdeko. Ein paar zerdrückte Kugeln, Lametta, ein Engel aus Papier, dem ein Flügel fehlt.

„Hm, nicht wirklich etwas persönliches“, sage ich.

Thomas nickt.

„Also, weg?“

Ich nicke und greife nach der nächsten Kiste.

Wir arbeiten uns durch den Speicher, Kiste für Kiste. Ich bin überrascht, wie leicht es plötzlich ist, Dinge wegzuwerfen, die man früher als Schätze behandelt hätte. Vielleicht, weil ich inzwischen weiß, was wirklich zählt. Vielleicht aber auch, weil ich gerade keine Zeit für Sentimentalität habe.

Thomas hebt eine kleine Holzkiste hoch, schüttelt sie.

„Klappert.“

„Dann ist es Schrott, weg“, sage ich.

Er lacht kurz, leise.

„Du wirst effizient.“

„Ich muss effizient werden.“ Ich ziehe eine gehäkelte Patchworkdecke aus einem Stapel und halte sie hoch. „Die ist noch voll in Ordnung. Was meinst du? Behalten oder weg?“

Thomas nimmt sie mir ab, reibt kurz den Stoff zwischen den Fingern.

„Behalten. Die ist gut.“

Ich nicke. Lege sie beiseite.

Das Hämmern unten setzt aus, dann fängt es wieder an. Es ist, als würde das Haus mit uns arbeiten.

Thomas schiebt eine große Kiste zur Seite und bleibt stehen.

„Da“, sagt er.

In der Ecke, halb hinter einem kaputten Bilderrahmen, steht ein uralter Koffer. Dunkel, hart, mit abgewetzten Kanten.

So einer, wie man ihn in Filmen sieht, wenn jemand fliehen muss und nur das Nötigste mitnimmt.

Thomas geht hin, greift nach dem Griff.

„Der kann ja auch weg“, murmelt er und hebt ihn an.

Im gleichen Moment verändert sich sein Gesicht.

Er hält inne.

Nicht, weil er sich verhoben hat.

Sondern weil der Koffer nicht leer ist.

Er schaut zu mir.

„Weg?“ fragt er trotzdem.

Ich ziehe die Augenbrauen hoch.

„Ohne reinzugucken?“

„Ich wollte nur testen, ob du konsequent bleibst“, sagt er.

Ich gehe näher und beuge mich leicht vor, als könnte ich durch das alte Leder sehen.

„Doch. Reingucken.“ Ich grinse. „Vielleicht hat Opa da ja einen Juwelenraub versteckt.“

Thomas lacht leise. „Ja, klar. Brackenfold und der große Coup.“

Er kniet sich hin, die Hand am Verschluss. Der Koffer ist nicht abgeschlossen. Der Deckel geht auf.

Und sofort ist das Lachen weg.

Nicht, weil es dunkel ist.

Nicht, weil es staubig ist.

Sondern weil obenauf eine durchsichtige Plastiktüte liegt.

Und darin liegt eine Axt.

Der Holzstiel ist alt, stumpf, rau. Das Metall ist matt. Und an der Schneide klebt etwas Dunkles, Verkrustetes.

Etwas, das nicht hier oben hingehört.

Thomas bewegt sich nicht.

Ich bewege mich nicht.

Unten die Handwerker bohren weiter.

„Was…“ Meine Stimme ist kaum mehr als Luft.

Thomas hebt die Plastiktüte nicht hoch. Er schaut nur.

Dann streckt er die Hand aus, ganz langsam, als würde er sich selbst nicht trauen.

Er zieht die Tüte ein Stück zur Seite.

Darunter liegt ein großer brauner Umschlag.

Alt. Dick. Mit einer Kordel.

„Da ist ein Brief“, sagt Thomas.

Seine Stimme klingt plötzlich nicht mehr wie Thomas.

Eher wie jemand, der nicht weiß, ob er das lesen darf.

Ich schlucke.

„Mach auf“, sage ich.

Er sieht mich an.

„Sicher?“

„Ja“, sage ich. Und merke erst jetzt, dass ich zittere. „Wenn das immer noch hier oben liegt, dann… dann sollte es irgendwann gefunden werden.“

Thomas nimmt den Umschlag. Er löst die Kordel. Seine Finger sind ruhig, aber ich sehe, wie fest er sie anspannt.

Er zieht ein gefaltetes Schreiben heraus. Mehrere Seiten. Handschrift.

Oben steht ein Name.

Thomas liest ihn leise. „Der Brief ist von Edward, deinem Urgroßvater.“

Ich atme ein.

Thomas räuspert sich, schaut noch einmal auf die erste Zeile und beginnt vorzulesen.

„Wenn Sie diesen Koffer gefunden haben, dann ist es so weit.“

Er hebt kurz den Blick, schaut mich prüfend an.

Ich nicke.

Er liest weiter.

„Mein Name ist Edward Whitecomb. Früher hieß ich Eduard Weißkamm. Ich schreibe diesen Brief, weil ich nicht will, dass Alma jemals für etwas verantwortlich gemacht wird, wofür sie nichts kann.“

Mir läuft es kalt über den Rücken.

Thomas’ Stimme bleibt ruhig, aber sie hat plötzlich diesen Ton, den man bekommt, wenn man etwas liest, das zu echt ist.

„Ich war sechzehn Jahre alt, als ich als Kriegsgefangener nach England kam. Ich war zusammen mit einem anderen Jungen bei einem sehr jähzornigen Bauern untergebracht, um zu arbeiten. Bereits am zweiten Tag war der Junge verschwunden.“

Thomas hält kurz inne.

„Entweder ist er geflohen“, liest er weiter, „oder der Bauer hat ihn erschossen und irgendwo vergraben. Aber ich kann versichern, dass ich kurz vor dem Verschwinden des Jungen am Waldrand einen Schuss gehört und den Bauern gesehen habe, mehr kann ich nicht dazu sagen.“

Ich schlucke.

Thomas’ Finger pressen das Papier am Rand fester.

„Von dem Jungen weiß ich nur noch, dass er neunzehn Jahre alt war, Fritz hieß und aus Köln kam.“

Unten bohrt jemand, als wäre das hier oben nur eine alte Kiste, die man ausmistet.

Thomas liest weiter.

„Etwa eine Woche später kam Ireen Stiller auf den Hof. Es kam zum Streit, weil der Bauer versucht hatte, ein Mädchen zu vergewaltigen. Das Mädchen war meine spätere Ehefrau Alma.“

Thomas stockt bei dem Namen.

Nur ganz kurz.

Dann liest er weiter.

„Der Streit eskalierte, Ireen drohte den Bauer anzuzeigen und den Behörden zu melden. Der Bauer dachte er sei allein und wollte Ireen erwürgen. Ireen konnte sich nicht wehren. Und ich konnte nicht zusehen.“

Ich halte den Atem an.

„Ich griff nach dem Nächsten, was ich fand. Es war diese Axt. Ohne genau hinzusehen, schlug ich zu.“

Thomas senkt den Blick für einen Moment auf die Plastiktüte.

Dann liest er weiter, langsamer.

„Ireen nahm mich und die Axt mit. Sie wickelte die Axt in Folie und legte sie in diesen Koffer. Ireen sagte, man würde lange nach der Tatwaffe suchen. Und nach mir.“

Er räuspert sich.

„Sie versteckte mich und den Koffer auf ihrem Grundstück. Zunächst im Keller des Hauses, später im Geräteschuppen. Dort ging niemand hin außer ihr.“

Ich spüre, wie sich mein Magen zusammenzieht.

Thomas liest weiter.

„Über zwei Jahre war ich versteckt. Als ich noch im Keller war, lernte ich eines Nachts Alma kennen.“

Ich starre Thomas an, als hätte ich mich verhört.

Er liest weiter, ohne mich anzusehen.

„Ireen bemerkte das und versteckte mich daraufhin im Geräteschuppen.“

Das Hämmern unten klingt plötzlich weiter weg.

Oder ich bin weiter weg.

„Als der Krieg vorbei war und die Gemüter sich beruhigt hatten, durfte ich wieder herauskommen. Ich war achtzehn Jahre alt. Weil meine Mutter Engländerin war, sprach ich gut Englisch. Ich durfte als Edward Whitecomb bei Ireen wohnen und im Haus und Garten helfen.“

Thomas blättert um.

Das Papier raschelt trocken.

„Ireen versuchte, meine Eltern und meine beiden jüngeren Schwestern in Deutschland über das Rote Kreuz und andere Organisationen zu finden. Mein Vater war Soldat wie ich und gefallen. Meine Mutter war mit meinen beiden kleinen Schwestern nach Thüringen geflohen. Das Flüchtlingscamp wurde von Kosaken überfallen. Meine Mutter kam nicht zurück. Meine Schwestern sah man nie wieder.“

Ich presse die Lippen zusammen.

„Seine ganze Familie…, alle weg“, murmle ich.

Thomas nickt mehrmals, bevor er weiter liest.

„Im Garten von Stiller Manor begegnete mir Alma wieder. Sie war siebzehn Jahre alt. Honigfarbenes Haar. Sie war eine Augenweide für alle Männer.“

Thomas’ Stimme wird einen Hauch weicher, als würde selbst er nicht anders können.

„Sie wählte mich.“

Ich merke, wie meine Augen brennen, aber es kommt nichts.

Thomas liest weiter.

„Im Mai 1949 haben wir geheiratet. Ireen überschrieb uns zur Hochzeit ein Cottage, das Alma und ich auf Vordermann brachten und in dem wir bis heute leben.“

Er atmet einmal tief durch.

Dann kommt der Teil, der wie ein Nagel im Holz sitzt.

„Mir ist wichtig: Sollte dieser Koffer jemals gefunden werden, und irgendwann wird er gefunden, Alma hat mit dem Tod des Bauern nichts zu tun. Sie weiß nicht, was an jenem Junitag 1943 passiert ist.“

Thomas’ Stimme wird wieder hart, sachlich.

„Und ich habe den einzigen Wunsch, dass Alma das auch nie erfährt.“

Er hebt den Blick zu mir.

Ich kann nicht mal nicken.

„Dem Finder dieses Koffers bitte ich: Gehen Sie zur Polizei und geben Sie den Koffer samt Inhalt ab. Ich gehe davon aus, dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr da bin.“

Thomas schluckt.

Dann liest er den letzten Satz.

„Bitte verschonen Sie meine Alma. Sie hat im Leben genug mitgemacht.“

Er senkt das Blatt.

„Edward Whitecomb“, sagt er leise, als wäre es nicht nur eine Unterschrift, sondern ein ganzer Mensch.

Ich starre auf die Axt.

Dann auf den Umschlag.

Dann auf Thomas.

„Überleg mal, meine Oma wusste das alles nicht. Ireen und mein Urgroßvater wollten sie schonen“, sage ich.

Es ist kein Fragezeichen.

Es ist eine Feststellung, die sich anfühlt wie Erleichterung und wie Trauer gleichzeitig.

Thomas schüttelt langsam den Kopf.

„Nein“, sagt er. „Sie wusste es nicht. Er muss sie sehr geliebt haben.“

Ich atme aus.

Und merke erst dann, dass ich die ganze Zeit die Luft angehalten habe.

„Wir müssen…“ Meine Stimme klingt fremd. „Wir müssen das abgeben.“

Thomas nickt.

„Ja.“

Ich starre auf den Koffer, als wäre er etwas Lebendiges.

Ich greife nach der Kordel des Umschlags, binde sie wieder zu, als könnte ich damit die Vergangenheit zusammenhalten.

Thomas klappt den Koffer zu.

Das Klick-Geräusch ist leise.

Aber es klingt wie ein Urteil.

Wie ein Schlussstrich.

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