Rozdział 13: Noah – pulsierendes Herz

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Ich sitze auf meinem Bett.

Rücken an der Wand, ein Bein angewinkelt, das andere baumelt nervös über die Kante. Mein Handy liegt schwer in meiner Hand, als hätte es plötzlich Gewicht bekommen.

LINA

Nur ihr Name auf dem Display reicht aus, um mein Herz aus dem Takt zu bringen.

Um mich daran zu erinnern, dass heute nichts mehr so ist wie gestern.

Dass ich seit dem Gespräch mit meinem Vater nicht mehr derselbe bin.

Und dass da dieses Mädchen ist, das mein Innerstes berührt hat, ohne es zu wissen.

Ich starre auf den Chat.

Dann ist ja alles Wichtige zwischen uns geklärt.

Großartig, Noah. Wirklich brillant.

Ich könnte mir selbst dafür eine reinhauen.

Ich lege das Handy kurz weg, fahre mir über die Brust.

Das Leuchten und Brennen zieht sich jetzt über meine gesamten Male und Tattoos.

Für mich, ein aggressives Glühen, Mike würde mich als lebender Weihnachtsmarkt betiteln.

Ich nehme das Handy wieder auf. Das Display zeigt Madleen, wie sie mir einen Kuss zuwirft. Ich öffne die Einstellung meiner Hintergrundbilder. Zeit für Veränderungen. Statt Madleen zieren jetzt blaue Kreise mein Display.

Wieso antwortet sie nicht? Vielleicht sollte ich ihr nochmal schreiben.

Ich wollte nicht komisch klingen vorhin. Ich bin nur nicht besonders gut in sowas.

LINA online

Sie liest!

Drei kleine Punkte erscheinen.

Verschwinden wieder.

Mein Herz setzt aus.

Setzt wieder ein.

Zu laut. Viel zu laut. Ich höre tatsächlich nur mein Herz, für andere Menschen ist jetzt und hier kein Raum.

Die Punkte tauchen wieder auf.

LINA:

In was genau bist du nicht gut?

Endlich Antwort! Ich lächle unwillkürlich.

In Schreiben, bei denen man hofft, dass der andere nicht genervt ist.

__Pause.

Das Brennen in mir wird stärker Als würde mein Körper zuhören.

LINA:

Ich bin nicht genervt.

Ich will tippen, starre auf mein Handy und frage mich, ob ich warten soll mit einer Antwort. Einen Moment die Augen schließen, nichts sehen, nichts hören.

Einatmen, ausatmen. Was ist nur los mit dir, alter Junge. Ich bin nicht ganz unbedarft, was Mädchen angeht. Und im Allgemeinen komme ich auch immer an mein Ziel. Aber das hier ist anders, etwas Größeres. Ich fühle mich ein kleiner Junge an seinem ersten Schultag, der nicht weiß, was ihn erwartet.

Bist du zuhause in deinem Zimmer?

LINA:

Ja und du?

Ein kleines Lächeln zieht sich durch mich.

Hurra, es lebt und kann mir Fragen stellen

Mein Herz klopft immer lauter.

Ich auch. Ich sitze auf meinem Bett und denke an dich.

Ich könnte mich erneut ohrfeigen. Natürlich denke ich an sie, immerhin schreiben wir gerade zusammen. Ich sollte wirklich vernünftigeres zustande bringen, aber irgendwie setzt mein Verstand gerade aus.

Die Antwort kommt schneller, als ich erwartet hätte.

LINA:

Ok.

Ok! Natürlich ok, was soll sie auch sonst auf so eine blöde Bemerkung antworten.

Ich habe dich gestern das erste Mal gesehen. Von welcher Schule kommst du? Mrs. Sharefield hat dich zwar vorgestellt, aber irgendwie habe ich das nicht richtig mitbekommen.

Pause.

War der Text zu lang? Aber ich will alles von ihr wissen.

Ich spüre sie, noch bevor die Punkte auftauchen.

LINA:

Wo warst du nur mit deinen Gedanken?

Sie ist keck, das gefällt mir. In mir lacht alles, ich könnte laut jubeln. Könnte ich wirklich, ich bin allein zuhause. Und keck kann ich auch.

Vielleicht bei dir, wer weiß?

Die Sekunden vergehen, nichts tut sich. Bin ich zu weit gegangen?

LINA:

Der Gedanke gefällt mir. Ich komme aus Connemara. Aus Irland, meine Mutter und ich sind schon vor drei Wochen nach New York gezogen.

Der Gedanken gefällt ihr! Ich höre zwar nicht mehr mein Herz klopfen, dafür rauscht jetzt das Blut in meinen Ohren.

Also ein irisches Mädchen. Falsch! Ein wunderschönes irisches Mädchen.

Umwerfend schön.

LINA:

Das wir gestern in der Mensa zusammengestoßen sind, tut mir leid

Meine Finger streichen über ihr Profilbild. Das honigblonde Haar, die sinnlichen vollen Lippen…

Bist du schüchtern, kleine Irin?

Ganz ehrlich?

Die Punkte tanzen prompt, dieses Mal antwortet sie sofort.

LINA:

Immer ehrlich

„Kannst du haben..“ murmele ich. Mein Jagdinstinkt ist geweckt.

Mir nicht, also mir tut es nicht leid, dass wir zusammengestoßen sind, ohne die Tabletts zwischen uns wäre es allerdings schöner gewesen.

Ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen. Auf der anderen Seite der Stadt stockt ihr vermutlich der Atem. Zumindest lässt die Antwort auf sich warten.

Ich lege das Handy für einen Moment beiseite und greife nach der Wasserflasche, die neben meinem Bett auf dem Boden steht.

Mein Blick wandert durch den großen Raum, als müsste ich mich selbst wieder einsammeln.

In der einen Ecke lehnt meine Gitarre, achtlos abgestellt.

Links an der Wand das Sofa, am Fenster der Schreibtisch. Die Tastatur des PCs fast vollständig unter Papieren und Büchern begraben. Bunte Stifte liegen verstreut, als hätten sie längst aufgegeben, jemals wieder ihren Weg zurück in die Stiftebox zu finden. Mittendrin ragt der schwarze Monitor hervor wie ein kleiner Berg.

Der Schreibtischstuhl hat seine eigentliche Aufgabe offenbar aufgegeben und dient inzwischen als Kleiderschrankersatz. T-Shirts, Hoodies, Jeans, alles übereinandergeworfen.

An der gegenüberliegenden Wand hängt der Fernseher, darunter ein kleines orientalisches Tischchen mit Wasserpfeife.

Ein paar getragene Socken haben nicht erst seit gestern, ihren festen Platz auf dem Holzboden gefunden.

Mein Zimmer.

Unaufgeräumt. Echt.

Und gerade der einzige Ort, an dem ich atmen kann.

Ich nehme einen Schluck Wasser aus der Flasche und greife wieder nach meinem Handy.

LINA:

Ehrlich?

Ich schreibe sofort zurück

Immer ehrlich

LINA:

Sehe ich genauso, ohne die Dinger wäre es schöner gewesen.

Bingo! Sie und ich, ich und sie. Mir wird schwindelig.

Mir ist so etwas noch nie passiert. Ich bin noch nie einem Mädchen begegnet und im nächsten Augenblick, steht mein Herz regelrecht in Flammen. Mein Brustkorb brannte wie Feuer.

Ich erinnere mich an das Brennen im Brustkorb, als wir uns im Schulflur angesehen haben.

Lina schickt als Antwort einen lachenden Emoji

LINA:

Und mir ist noch nie ein Junge begegnet, der mir die Luft zum Atmen nahm.

Mir wird warm und heiß zugleich. Ich schaue auf meinen Arm, er leuchtet kaum noch. Jetzt erst fällt es mir auf, dass auch das Brennen, stark abgenommen hat. Es ist nicht ganz weg, aber es schmerzt nicht mehr wie Hölle.

Mein Brennen es lässt nach.

LINA:

Du wirst lachen, ich bekomme seit gerade eben, auch wieder besser Luft. Woran liegt das

Wenn du es nicht weißt, liebe Lina… Ich muss aber zugeben, ich verstehe es auch gerade nicht, nachdem was Vater erzählt hat, müssten die Symptome eher stärker werden.

Es liegt an uns. Wir sind gleich und wir fühlen gleich, Lina.

Ich habe das Gefühl, jeden Moment zu zerbersten. Etwas anderes, kommt in mir hoch, gewaltige Kräfte machen sich breit in mir und zwischen meinen Lenden. Ich will sie haben, hier bei mir. Ich bemühe mich um Fassung.

Sie zögert mit der Antwort.

Wir fühlen gleich und wir sind gleich, Noah, wenn auch nicht vom selben Stamm.

Ich weiß, worauf sie hinauswill. Und ich sehe es ja genauso, aber im Moment kämpfe ich um Fassung. Wäre sie jetzt hier bei mir, ich könnte für nichts garantieren.

Hast du einen Freund?

Ihre Antwort kommt sofort

LINA:

Nein und ich hatte auch noch nie einen.

Dann werde ich dein erster und dein letzter sein. Der Gedanke, dass sich nur ein anderer in ihre Nähe wagt, erweckt in mir Mordlust. Noch nie habe ich so empfunden. Ich bekomme vor mir selbst Angst.

LINA:

Aber du, du hast diese Madleen

Wenn sie so empfindet wie ich, dann weiß ich, was sie in Gedanken gerade mit Madleen macht.

Das stimmt, aber ich beende das mit ihr. Heute noch, versprochen!

LINA:

Sehr gut

Diese drängende Leidenschaft in mir, lässt wieder nach. Ich bin nicht unglücklich darüber. Das gerade war zu mächtig.

Du bist wunderschön, haben die Jungs in Irland keine Augen im Kopf, wieso hattest du noch nie einen Freund?

LINA:

Angebote gab es genügend. Ich wollte nicht. Ich habe aber auch nichts vermisst.

Sie war demnach auch noch nie geküsst worden. Für einen Augenblick stelle ich mir ihre Lippen vor, ihr Gesicht ganz nah an meinem, diese smaragdgrünen Augen. Mir wird wieder heiß und ich verdränge den Gedanken.

LINA:

Ich habe mein Leben lang nichts gefühlt, musst du wissen. Keine Liebe, keine Freude, kein Schmerz.

Nichts gefühlt? Wie ist das möglich? Wie kann man so leben?

Und jetzt fühlst du etwas?

Was wenn ich mir gerade Filme schiebe, wenn sie gar nicht so empfindet wie ich? Unruhe steigt in mir auf.

Die Antwort lässt auf sich warten.

Eine ganze Minute.

Bitte Lina, schreib mir

Zwei.

Ich merke, wie mein Atem flacher wird. Wie mein Körper sich anspannt. Mein Blick brennt sich auf dem Display fest.

LINA:

Ich fühle dich

Ich schlucke.

Die Male sind fast ruhig. Als hätten sie begriffen, dass Nähe kein Alarm ist.

Darf ich noch was fragen?

LINA:

Ja.

Ich tippe langsam. Sehr langsam.

Wenn du nicht fühlen konntest und noch nie einen Freund hattest, dann wurdest du auch noch nie geküsst?

Die drei Punkte bleiben lange stehen.

Sehr lange.

Mein Herz hämmert.

LINA:

Nein. Noch nie.

Etwas zieht sich in mir zusammen. Nicht hart. Nicht fordernd.

Eher wie eine Entscheidung, die ganz still fällt.

Ich tippe nicht sofort, lasse sie warten.

Nicht aus Berechnung, sondern weil ich will, dass sie spürt, dass ich da bin.

Dass ich sicher bin, was ich sage, wenn ich es sage.

Dann hör mir jetzt gut zu, Lina.

Die drei Punkte erscheinen sofort, aber kein Satz ist zu sehen.

Aber, sie ist da. Ganz da. Zum ersten Mal höre ich ihr Herz, leise, fühle sie, ihre Zartheit, ihre Gefühle für mich, ihren Mut sich mir zuzuwenden und ihre enorme Angst vor dem was da kommen könnte.

Du musst nichts können. Nichts wissen. Nichts richtig machen.

Ich lehne den Kopf gegen die Wand.

Meine Brust ist ruhig. Kein Brennen mehr. Kein Leuchten. Nur Wärme.

Ich werde nichts überstürzen. Und ich werde dich nicht drängen.

Eine kurze Pause. Ich spüre sie, als säße sie mir gegenüber, sie ist atemlos.

Aber ich werde auch nicht so tun, als würde ich dich nicht wollen.

Mein Herz schlägt ruhig.

Sicher.

Wie ein Versprechen.

Die Antwort kommt nicht sofort.

Und diesmal macht mich das nicht nervös.

Ich weiß, sie liest es.

Lässt es an sich heran.

LINA:

Du klingst sehr sicher.

Ich lächle. Ein schiefes, ehrliches Lächeln.

Bin ich.

Die Male an meinem Hals sind verschwunden.

Als hätten sie verstanden, dass Kontrolle nichts mit Unterdrückung zu tun hat.

Sondern mit Halt.

Und wenn es soweit ist, wenn du bereit bist, dann werde ich dich küssen.

Kein Fragezeichen. Kein Zögern.

Nicht, weil du etwas „nachholen“ musst. Sondern weil du es willst.

Die drei Punkte flackern.

Verschwinden.

Tauchen wieder auf.

LINA:

Das alles, was uns umgibt und was noch kommt, macht mir Angst.

Ich verstehe genau, was sie meint. Ein erster Kuss. Die Resonanz, die Magie und die Gefahr.

Mir auch. Aber ich gehe nicht weg.

Ich sehe ihr Gesicht vor mir.

Die Art, wie sie mich ansieht, als hätte sie gerade erst gelernt, dass Sehen mehr sein kann als Wahrnehmen.

Ich lege das Handy neben mich. Schließe die Augen.

Das hier ist kein Spiel. Keiner meiner sonstigen Flirts.

Das ist der Anfang.

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