Rozdział 20: Kapitel 19

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Der Wind fuhr durch die losen Planen am Baugerüst wie durch ein Segel, flatternd, zischend und ungeduldig.

Vor dem Doppelhaus in der ruhigen Seitenstraße in Devin blühte es trotz der Baustelle: gelbe Taglilien reckten sich zwischen rosa Spieren, in einem kleinen Beet leuchtete Lavendel, daneben ein niedriger Strauch mit tiefroten Blättern, die im Morgenlicht fast schwarz wirkten.

Ein improvisierter Weg aus Holzbohlen führte durch den Vorgarten, in dem Farbspritzer auf den Kies getropft waren. Vor der Haustreppe stapelten sich Säcke mit Spachtelmasse, Farbeimer, offene Kartons mit Schrauben und zwei aufgerollte Kabeltrommeln. Die breiten Stufen waren zum Teil mit Folie abgedeckt, auf der ein feiner, weißlicher Staub lag.

Ein Bauarbeiter kam gerade aus der offenstehenden Tür, trug eine Wasserwaage unter dem Arm und kaute auf einem Brötchen. Er schenkte Katja und Sven kaum einen Blick.

„Ich sag’s noch mal, Katja“, murmelte Sven und blieb vor dem Hauseingang stehen. „Wir recherchieren hier privat. Das ist keine dienstliche Ermittlung.“

Katja hob kurz eine Augenbraue, schob die Tür weiter auf und trat ungerührt ein.

„Sonja Volkmar?“, rief sie laut, „Frau Volkmar, hallo?“

Sven seufzte. „Natürlich.“

Ein Bohren heulte durchs Haus, dann Poltern, ein leises Fluchen. Eine Frau erschien im oberen Treppenhaus, Anfang sechzig, hagere Figur, moderner Kurzhaarschnitt, die Hände in den Hüften und der Blick skeptisch.

„Wenn Sie mir etwas verkaufen wollen, ich brauch nix. Auf Wiedersehen.“

Sie wollte sich schon abwenden, als Katja ein paar Schritte weiter ins Haus trat. „Wir sind von der Kripo, Frau Volkmar. Es geht um Ihre Tochter.“

Die Frau blieb stehen. Falten zogen sich über ihre Stirn. Katja griff in ihre Jacke, zog den Dienstausweis hervor und hielt ihn hoch.

Sven machte einen halben Schritt zurück. „Katja …“, zischte er.

„Ich weiß“, murmelte sie, ohne sich umzudrehen. „Aber was hätte ich machen sollen.“

Frau Volkmar starrte erst den Ausweis an, dann Katjas Gesicht. Für einen Moment war es still, nur die Bohrmaschine dröhnte im Hintergrund. Sie nickte knapp mit dem Kopf, griff in ihre Hosentasche, zog einen Schlüssel hervor. Gefolgt von Katja und Sven, ging sie den Vorgarten entlang und öffnete die Haustür zur anderen Haushälfte. Sie hielt den beiden die Tür auf.

Katja und Sven traten in den Hausflur. „Genau das habe ich befürchtet“, murmelte Sven.

„Ich hatte keine Wahl“, flüsterte Katja. „Es wird schon gut gehen.“

Die zweite Haushälfte war kleiner, dunkler, aber ordentlich. An der Garderobe hing ein Regenmantel, an der Wand ein alter Spiegel mit blinder Ecke. Im Flur roch es nach Blumenwasser, Staub und Abwesenheit.

„Die Nachbarn sind auf Teneriffa“, sagte Frau Volkmar knapp. „Ich habe den Schlüssel und gieße nur. Morgens und abends lasse ich noch die Rollläden rauf und runter, wegen Einbrechern.“ Sie stellte eine Gießkanne auf dem Fensterbrett von rechts nach links und verschränkte die Arme. „Und was wollen Sie von mir?“

Katja trat einen Schritt vor. „Es geht um Ihre Tochter Elin.“

Ein kurzes Zucken ging über das Gesicht der Frau. Sie wies mit dem Kinn zur Küche. „Kommen Sie.“

Ein kleiner, heller Raum, karierten Vorhängen, gefliester Arbeitsfläche, runder Holztisch. Auf der Fensterbank standen Töpfe mit Kräutern. Frau Volkmar setzte sich schwer. „Setzen Sie sich.“

Katja nahm gegenüber Platz. Sven stellte seinen Stock ab, rückte den Stuhl etwas zurück.

„Meine Tochter war krank“, begann die Frau nach einer Weile. „Sehr krank. Autoimmunhepatitis. Das hat die Leber zerfressen. Es gab keine Heilung und keine Hoffnung für sie. Ich habe sie gepflegt, so gut ich konnte.“ Sie holte tief Luft. „Ihr Vater hatte dieselbe Krankheit. Sie gilt als nicht direkt vererbbar, aber die Möglichkeit war gegeben. Wir ließen es bei einem Kind, in der Hoffnung, es möge alles gut gehen. Beide erkrankten im Erwachsenenalter. Elin war schon Mutter, als wir erfuhren, was es ist.“

Sven spielte mit seinem Stock. „Und der Vater ihrer Kinder?“

„Hat sie nie preisgegeben. Elin war … in jungen Jahren … unbändig. Wir warteten täglich auf einen Anruf von der Polizei. Als sie 22 Jahre war, kam der Tag. Sie war auf einer Demo in Berlin, da hat sie einen Polizisten mit einem Stein beworfen und auch wohl unglücklich getroffen.“ Katja sah ihr an, dass es ihr sichtlich unangenehm war, über diese Zeit zu sprechen. „Danach wurde sie ruhiger, sie studierte Sozialpädagogik und bekam die Mädchen. Sie wollte keinen Mann, aber unbedingt zwei Kinder. Mit ihnen zog sie in die Frankenstraße. Lebte vegan, bevorzugte ein Lastenrad statt ein Auto, alles alternativ eben. Sie hatte sich von uns sehr entfremdet.“

Sie drehte die kleine Vase mit künstlichen Blumen in den Händen. „Erst als ihr Vater im Sterben lag, betrat sie das Haus wieder. Später kam sie mit ihren Kindern zurück, selbst erkrankt. Ich habe sie aufgenommen und gepflegt bis zum Schluss, genau wie ihren Vater. Vor einer Woche haben wir sie beerdigt. Im Friedwald auf Rügen.“

Katja nickte. „Das tut mir leid.“

„Was wollen Sie dann von mir?“

Katja sah kurz zu Sven, dann wieder zu ihr. „Vor ein paar Tagen wurde eine Frau auf Rügen aufgegriffen. Sie nennt sich Sina. DNA-Analyse: identisch mit Elin.“

Frau Volkmar blinzelte. Ein feines Zittern ging durch ihre Hände. „Was …?“

„Wir wissen es nicht“, sagte Katja leise. „Vielleicht ein Irrtum. Vielleicht mehr. Aber diese Frau lebt.“

Die Mutter presste die Hände auf den Tisch. „Das ist nicht möglich. Wir haben sie beerdigt!“

„Würden Sie ein Foto ansehen?“

„Nein!“ Ihre Stimme überschlug sich beinahe. „Ich habe genügend Bilder von meiner Tochter. Aber was Sie da sagen, das ist Wahnsinn.“

Sie atmete stoßweise. „Ich habe sie gesehen. Haut und Knochen, gelb im Gesicht, die Augen wie ausgebrannt. Unser Hausarzt hat den Tod bestätigt. Ich war dabei, als der Bestatter sie in den rosafarbenen Sarg legte. Ich habe zugesehen, wie sie ihn geschlossen haben. Ich habe die Urne selbst in den Händen gehalten.“

Ihre Finger krallten sich ins Karomuster der Tischdecke, als müsse sie sich daran festhalten, um nicht fortgerissen zu werden. „Elin war tot“, sagte sie hart. „Ist tot! Wie können Sie einer trauernden Mutter mit so einer Ungeheuerlichkeit kommen?“

Die Worte hingen in der Stille wie ein Messer.

Sven starrte aus dem Fenster, Katja sah, wie es in ihm arbeitete. Das Ticken der Küchenuhr wurde unerträglich laut. „Ich verstehe Sie ja“; Katja sprach sanft. „Aber wir wollen ja gerade herausfinden, ob es sich um eine Verwechslung oder was passiert ist? Wären Sie also bitte dennoch so nett uns von den letzten Tagen von Elin zu erzählen?“

Einen Augenblick schluckte die Mutter, bevor sie leise fortfuhr: „Am Ende sprach sie kaum noch. Aber sie hat alles geregelt. Stelle gekündigt. Scheinbar hatte sie vor Jahren schon eine Versicherung abgeschlossen. Zweihundertfünfzigtausend Euro. Das Geld soll sogar schon in den nächsten Tagen auf meinem Konto sein. Ein Teil sollte mir gehören, den Rest soll ich treuhänderisch für die beiden Mädchen verwalten.“

Katja zog scharf die Luft ein. „Und wie genau starb sie?“

„Zu Hause. Sie wollte hier sterben. In den letzten Tagen kamen zwei Männer, Lars und Felix hießen sie, ich kannte nur die Vornamen, sie sind ehrenamtliche Sterbebegleiter. Elin freute sich, sie zu sehen. Danach war sie ruhiger, fast versöhnt. Aber plötzlich brach sie zusammen. Am Abend ihres Todes war ich nur kurz in der Küche. Als ich zurückkam, war sie tot. Ganz ruhig. Kein Kampf. Lars und Felix waren bei ihr bis zum Schluss.“

„Und das Bestattungsinstitut?“

„Auch darum hatte sich Elin schon vorab gekümmert und mir eine Telefonnummer gegeben. ‚Ruf nur dort an‘, hatte sie gesagt. Alles sei bezahlt. Sie wollte einen rosafarbenen Sarg. Lars war so nett, unseren Hausarzt anzurufen. Dr. Crämer kam auch sofort und bestätigte den Tod. Sie wurde in einem rosa Sarg abgeholt wie gewünscht und zwei Wochen später war die Einäscherung.“

Sven beugte sich vor. „Hat irgendjemand Elin nach ihrem Tod noch gesehen?“

„Nein. Sie hatte ausdrücklich bestimmt: kein offener Sarg. Ich … ich habe es akzeptiert. Es sollte schnell vorbei sein.“

Katja lehnte sich zurück. Ihr Kopf arbeitete. Sterbebegleiter. Unbekanntes Bestattungsinstitut. Ein rosa Sarg. Versicherungszahlung. Den letzten Blick warf die Mutter auf einen rosafarbenen Sarg und nicht auf ihre Tochter.

Sie erinnerte sich an Faris. Er war verschwunden still, spurlos, wie ausgelöscht. Seine Frau hatte gesagt, nichts erinnerte mehr an ihn. Es schien, als wolle jemand mit Absicht die Sterbenden von den Lebenden trennen.

„Frau Volkmar“, sagte sie schließlich, „haben Sie je daran gedacht, dass vielleicht nicht alles so war, wie es schien?“

Die Frau sah sie lange an, bevor sie sich abwandte. „Ich will gar nicht darüber nachdenken. Wenn Elin noch lebt, hat sie uns belogen. Und wenn nicht … dann reden Sie mit einem Geist.“

Katja ließ die Stille stehen. Sie wurde wieder sachlich: „Nur dass Sie es wissen, das Betrugsdezernat übernimmt jetzt.“

Ein Zucken ging über das Gesicht der Mutter. Sie stand auf, straffte sich so gut wie es ging, legte die Hände auf den Tisch und sah Katja direkt an. „Sollen sie kommen. Ich habe einen guten Anwalt.“

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