Der Weg trÀgt mich weiter. Etwas in mir hat aufgehört, stehen zu bleiben.
Der Bach begleitet mich.
Er gleitet ĂŒber Steine, berĂŒhrt sie, lĂ€sst sie zurĂŒck.
Ich gehe neben ihm her und spĂŒre mit jedem Schritt, dass MĂŒdigkeit hier keine Schwere hat.
Die Luft ist weich.
Sie legt sich an meine Haut, als wollte sie mich erinnern, nicht stehenzubleiben.
âDu bist mĂŒde.â
Die Stimme kommt von vorne.
Ganz nah.
Ich bleibe stehen.
Etwas schwebt vor mir.
So dicht, dass ich unwillkĂŒrlich den Atem anhalte.
Sie ist klein.
Nicht zerbrechlich, aber leicht.
Ihre FlĂŒgel tragen sie mĂŒhelos, halten sie einen Augenblick direkt vor meiner Nase, als wolle sie prĂŒfen, ob ich sie wirklich sehe.
Ihr Haar schimmert wie BlĂŒtenstaub im Gegenlicht.
Ihre Augen sind grĂŒn, nicht wie Gras, sondern wie Farn im Schatten.
Wenn sie sich bewegt, zieht sie kleine Bögen in die Luft, und die Luft folgt ihr bereitwillig.
Erst jetzt nehme ich die FlĂŒgel ganz wahr.
Sie wirken, als bestĂŒnden sie aus Licht und Erinnerung zugleich, fangen jede Bewegung ein
und lassen sie weiterwandern, als wĂŒrde nichts hier je ganz stillstehen.
Wenn sie schlagen, ist es kaum mehr als ein Zittern, wie ein Atemzug, der nicht gehört werden will.
Etwas in mir rĂŒhrt sich.
Kein Erstaunen. Eher ein Wiedererkennen.
âLĂrienâ, sage ich, und wundere mich nicht darĂŒber, dass ich ihren Namen kenne.
Sie lacht leise und zieht eine kleine Schleife in der Luft, direkt vor meinem Gesicht.
Es ist lange her.
So lange, dass ich vergessen hatte, wie sich ihre NĂ€he anfĂŒhlt.
âDu hast mich nicht vergessenâ, sagt sie leise. âDu hast nur aufgehört, mich zu rufen.â
Ich atme aus.
Ein Knoten, von dem ich nicht wusste, dass er da war, löst sich.
âIch war bei dirâ, sagt sie, âals du die Augen geschlossen hast. Damals. Und lange davor.â
Sie tanzt und schwebt vor meinem Gesicht.
âKommâ, sagt sie weiter und schwebt nun rĂŒckwĂ€rts vor mir her. âIch habe Lust auf Sahnekuchen. Und Kakao.â
Ich sehe sie an.
Dann auf meine HĂ€nde.
âIch habe kein Geld dabei.â
Sie bleibt in der Luft stehen, neigt den Kopf und schaut mich an, wirklich an.
Dann lacht sie, hell, fast erstaunt.
âGeld?â sagt sie. âAlma, du bist in Aelyr, du brauchst kein Geld. Oder hast du von deiner Familie Geld fĂŒr eine Tasse Kakao genommen?â
Edward taucht vor mir auf.
Der KĂŒchentisch.
Mehl auf der ArbeitsflÀche.
Ein Löffel im Topf.
Abende, die warm waren, auch wenn drauĂen alles kalt war.
âJaâ, sage ich langsam. âAber das war doch zu Hause.â
LĂrien schwebt nĂ€her, so dicht, dass ich ihren Atem spĂŒre.
âUnd Aelyr ist auch dein Zuhause.â
Das CafĂ© liegt an der StraĂe, als hĂ€tte es immer dort gestanden.
Holztische. GroĂe Fenster.
Licht, das nicht weiĂ, ob es drauĂen oder drinnen sein will.
Eine junge Frau kommt lÀchelnd zu uns.
LĂrien bestellt ohne Zögern.
âZwei Sahnetorten. Zwei Kakao.â
Als die Teller kommen, fliegt sie dicht vor meinem Gesicht vorbei, landet auf dem Tellerrand und betrachtet den Sahnekuchen mit unverhohlener Freude.
Sie fÀhrt mit dem Finger durch die Sahne und lacht.
âSo schmeckt er am besten.â
Ich sehe hinaus.
Am Himmel ziehen Bomber.
Langsam und unaufhaltsam.
Mein Herz zieht sich zusammen.
âSie sind noch daâ, sage ich.
LĂrien fliegt dicht an mich heran und legt mir die Hand auf den Arm, kaum schwerer als ein Hauch.
âLass sie fliegenâ, sagt sie ruhig. âSie tun dir nichts. Nicht hier.â
Die GerÀusche verblassen.
Wie ein Echo, das sich verliert, wenn man es nicht mehr festhÀlt.
âKommâ, sagt sie plötzlich und zieht an meinem Ărmel.
âIch will dir etwas zeigen.â
DrauĂen fliegt sie mir voraus.
Ich folge.
Dann spĂŒre ich es.
Mein Haar liegt nicht mehr schwer auf meinem RĂŒcken.
Es ist leicht.
Kurz.
Ich greife danach.
Verwirrt.
âWas ist passiert?â
LĂrien zuckt in der Luft mit den Schultern.
âIst das wichtig? Es ist nur Haar. Es war lang. Jetzt ist es kurz. Du gewöhnst dich daran.â
Der Wind streicht mir ĂŒber den Nacken.
Und etwas in mir weiĂ, dass sie recht hat.
Sie bleibt stehen.
Schwebt ĂŒber dem Bach.
Zeigt nach unten.
Dort steht ein Mann in Uniform.
Rauch steigt von ihm auf, als hÀtte er ihn mitgebracht.
Er hÀlt eine Angel in der Hand und schaut ins Wasser, als gÀbe es nichts anderes.
Mein Herz schlÀgt einmal zu viel.
âDas ist mein Vaterâ, flĂŒstere ich.
Ich gehe auf ihn zu.
âPapa! Hast du Rose gesehen?â frage ich.
Er hebt den Kopf.
LĂ€chelt mich an.
Liebevoll.
Still.
Ich drehe mich zu LĂrien.
âPapa redet nicht mit mir.â
Sie nickt, hebt die Hand. âEr hört dich. Aber vielleicht trĂ€gt er seine Traurigkeit so tief in sich, dass er den Weg bis zu dir noch nicht findet. Lass ihm die Zeit, die er braucht.â
Andere Elfen lösen sich aus der Luft.
Klein, leuchtend.
Sie fliegen niedrig ĂŒber den Bach, fangen das Licht des Wassers ein und tragen es weiter,
als wollten sie etwas bewahren.
Ich wende mich wieder um.
Papa ist fort.
Nur das Wasser bleibt.
Und sein Lauf.
LĂrien schwebt wieder vor mein Gesicht.
Ganz nah.
âKommâ, sagt sie leise.
âWir mĂŒssen uns ein bisschen beeilen, wenn du Rose sehen möchtest.â
Ich gehe mit.
Und wÀhrend ich weitergehe, weià ich:
Ich bin noch nicht zu spÀt.