Chapter 11: Noah – Herzmagie

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Die Lehrerin ist noch nicht da.

Das Klassenzimmer lebt trotzdem.

Stühle rücken. Rucksäcke fallen zu Boden. Stimmen überlagern sich, Lachen prallt gegen die Fenster, irgendwo klappert ein Stift nervös auf der Tischplatte. Neben mir redet Mike. Ununterbrochen. Irgendwas über ein neues Game, irgendeinen Level, irgendeinen Boss.

Ich höre ihn nicht. Oder besser: Ich höre alles andere.

Herzen. Sie sind heute lauter als sonst.

Als hätte jemand den Regler hochgedreht, ohne mich zu fragen.

Pochend, drängend, übermütig, nervös, verliebt, gelangweilt. Jeder Rhythmus ein eigenes kleines Universum, und sie alle schlagen gleichzeitig gegen meine Schläfen.

Heute nervt es.

Gestern wusste ich noch nicht, was es ist.

Heute weiß ich: Das hier hört nie auf.

Ich bin so geboren worden.

Und ich werde so sterben.

Ich schließe kurz die Augen. Wünsche mir Stille.

Einen Moment nur, in dem nichts durch mich hindurchflutet.

Aber selbst dieser Wunsch hat ein Herz. Und es schlägt.

Vor mir sitzt sie.

Zwei Reihen weiter vorne. Der Nacken frei, die Schultern ruhig, als hätte der Lärm um sie herum keine Bedeutung. Als wäre sie nicht ganz hier. Oder viel zu sehr.

Ich höre nichts von ihr.

Und genau das ist es, was mich nicht loslässt.

Wo bei allen anderen etwas pulsiert, pocht, drängt, ist bei ihr… nichts.

Kein Klang. Kein Echo.

Nur eine Leere, die keine Leere ist.

Eher wie ein tiefer See, dessen Oberfläche glatt daliegt, während darunter etwas wartet. Etwas, das ich nicht sehen darf – und trotzdem spüre.

Es zieht mich zu ihr hin.

Nicht laut. Nicht plötzlich.

Sondern langsam, unausweichlich, wie eine Strömung, die längst entschieden hat, wohin sie will.

Ich versuche, mich zu bremsen.

Atme flacher. Spanne die Schultern an.

Zu spät.

Das Brennen ist wieder da.

Erst tief in der Brust. Ein Glühen, kaum mehr als ein Versprechen.

Dann arbeitet es sich nach oben. Zentimeter für Zentimeter.

Als würde etwas unter meiner Haut erwachen.

Als würde mein Körper sich erinnern, bevor mein Verstand es kann.

Ich schlucke.

Hinter mir sitzt Madleen.

Ich spüre sie, noch bevor ich ihren Blick merke.

Eifersucht hat eine ganz eigene Schärfe.

Sie kratzt. Sie klebt. Sie legt sich wie ein Film auf alles, was man denkt.

Misstrauen. Besitz. Angst, ersetzt zu werden.

Ihre Augen bohren sich in meinen Rücken.

Sie wird mich nicht mehr aus den Augen lassen.

Nicht heute. Vielleicht nie wieder.

Und doch…

bei dem Gedanken an sie wird das Brennen schwächer.

Nicht weg. Aber leiser.

Als hätte mein Körper längst entschieden, was wichtig ist – und was nicht.

Ich sehe nur noch das Mädchen vor mir.

Mike stupst mich an.

„Sag mal“, sagt er, „hörst du mir überhaupt zu?“

Ich blinzele. Drehe den Kopf. Sein Herz klingt vertraut. Laut. Warm. Ehrlich.

„Ich habe dich gefragt, ob wir heute Abend eine Runde zocken“, redet er weiter. „Das neue…“

Ich stehe auf.

Zu abrupt. Der Stuhl kippt fast.

Ich greife nach seinem Arm. Zu fest. Er zuckt zusammen.

„Komm mit“, sage ich. Meine Stimme klingt fremd. Drängend. „Wir müssen reden.“

„Bruder“, sagt Mike und lacht unsicher, „was ist denn jetzt los?“

„Sei still“, murmele ich. „Und komm einfach mit.“

Ich ziehe ihn hinter mir her.

Durch die Gänge zwischen den Tischen, vorbei an schwatzenden Gruppen, an den lachenden Gesichtern und an all den Herzen, die mir heute zu viel sind.

Madleens Blick folgt mir.

Ihr Misstrauen wird schärfer. Kälter.

Der Flur zieht sich in die Länge. Stimmen hallen durch die geschlossenen Klassenräume. Lehrer die sich um Ruhe bemühen. Türen schlagen.

Dann die schwere Glastür. Ich stoße sie auf.

Draußen ist Luft. Warm, klar und frei.

Ich lasse Mikes Arm los.

Niemand ist in unserer direkten Nähe. Wir stehen ein paar Schritte vom Eingang entfernt, der Beton unter unseren Füßen noch warm vom Vormittag. Hinter uns schubsen sich ein paar jüngere Schüler gegenseitig ins Gebäude, Stimmen, Schritte, Rucksäcke, ein letztes Lachen, bevor die Türen zufallen.

Dann sind wir fast allein.

Mike steht mir gegenüber.

Mein bester Freund. Seit dem Kindergarten.

Seit wir denken können, wohnen wir Haus an Haus. Seine Eltern, mein Vater. Seine ältere Schwester, die immer alles besser wusste. Geburtstage, Ferien, Streit, Versöhnungen, gemeinsame Familiengrillabende, man versteht sich, hilft einander. Ein Weg, der nie auseinandergegangen ist.

Ich atme tief ein.

„Hör zu“, sage ich. „Mir bleibt gerade nicht viel Zeit. Ich brauche deine Hilfe.“

Er zieht die Schultern hoch, wie er es immer tut, wenn er merkt, dass etwas ernst wird.

„Okay“, sagt er vorsichtig. „Was soll ich tun?“

„Du gehst zu Mrs. Sharefield“, sage ich schnell. „Sag ihr, mir ist schlecht geworden. Ich muss nach Hause.“

Ich fahre mir fahrig durch die Haare. „Mein Rucksack liegt noch in der Klasse. Nimm den bitte später mit. Ich erklär dir alles, wirklich. Aber nicht jetzt.“

Mike nickt langsam, sein Blick haftet sich fest. An meinem Hals.

Er sagt nichts. Keinen Spruch. Kein Grinsen.

Er hebt die Hand und deutet auf die Tattoos an meiner linken Halshälfte.

„Noah“, sagt er leise. „Da … da leuchtet was. Ganz seltsam.“

Ich sehe es nicht, aber ich spüre es.

Und ich spüre Mike. Angst und Unsicherheit übermannen ihn.

Kein Witz, keine Flapsigkeit. Nur dieses nackte Gefühl, das er sonst so gut versteckt.

„Ich erkläre dir alles später“, sage ich. „Versprochen. Es hat unter anderem mit diesem Mädchen zu tun.“

„Lina“, sagt Mike sofort.

„Wer?“ frage ich.

„Lina“, wiederholt er. „Die Neue. Mrs. Sharefield hat sie gestern vorgestellt. Du warst doch dabei.“

Ich nicke langsam.

Zu seiner Angst gesellt sich Sorge. Warm, schwer und echt.

„Okay“, sage ich. „Lina.“

Ich zögere einen Moment. „Zwischen ihr und mir … da ist etwas. Schreib bitte auf einen Zettel, dass ich ihre Handynummer haben will und gib ihn ihr.“

Mike starrt mich an.

„Du hast ernsthafte Probleme“, sagt er schließlich. „Und denkst jetzt ausgerechnet an die Telefonnummer von einem Mädchen?“

„Mach einfach“, sage ich schärfer, als beabsichtigt. „Bitte. Du schreibst ihr erst meine Nummer auf einen Zettel. Und bittest sie um ihre. Und du steckst ihn ihr zu. Unauffällig.“

„Ja klar“, sagt er trocken. „Und wie erkläre ich Mara, dass ich einem anderen Mädchen einen Zettel zuschiebe?“

Ich sehe ihn an, bemüht um ein Grinsen.

„Deswegen unauffällig, mein Großer.“

„Ja ich mach das schon irgendwie.“ Mike geht einen Schritt zurück, dann hält er inne.

Sein Blick gleitet über meine Schulter.

„Apropos unauffällig“, murmelt er. „Hinter uns, an den silbernen Mercedes gelehnt, da steht so ein Typ und glotzt die ganze Zeit zu uns rüber, hast du wieder mal eine Braut abgeschleppt, die dir nicht gehört, Bruder?“

Ich drehe mich langsam um.

Ein silbergraues Mercedes Cabrio steht am Straßenrand.

Daran gelehnt ein junger Mann. Hellblond. Gut gekleidet. Die Arme vor der Brust verschränkt.

Sein Blick liegt auf uns.

Zu lange.

Zu ruhig.

Und dann trifft es mich.

„Sein Blick ist echt nicht freundlich.“ Ich spüre, dass Mike so schnell wie möglich zurück in die Klasse will. Mut war noch nie seine Stärke.

Ich höre das Herz des Fremden.

Mein Magen zieht sich zusammen.

„Nicht nur sein Blick, Mike“, murmle ich. „Nicht nur sein Blick.“

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