Chapter 13: Kapitel 12

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Die Welt schmeckt und riecht giftig, meine Zunge fühlt sich schwer und pelzig an, mein Kopf schmerzt, und ich versuche, alles zu ordnen.

Ich höre noch die Stimme meiner Mutter, weich wie das Moos im Schatten der alten Ulmen. „Riech die Welt, Kind“, sagte sie oft, während sie mit der Sichel die Kräuter am Waldrand schnitt. „Die Naturgeister sind von Gott gesandt. Sie zeigen dir, was heilt und was zerstört. Verlass dich nicht nur auf deine Augen. Nimm dein Herz dazu. Und deine Nase. Sie lügen nicht.“

Aber diese Welt und diese Gerüche kenne ich nicht oder nur kaum, selbst der gefangene Winter riecht anders als sonst.

„Das ist ein Kühlschrank, keine Winterwelt, Sina. Und der ist aus Metall.“

Was es alles gibt in Marits Haus: Die Kammern heißen Zimmer, es gibt ein Badezimmer, eine Küche, ein Schlafzimmer mit einem Bett so weich wie der Himmel. Alles ist neu und fremd und doch auch einen Schimmer vertraut. Ich habe keine Angst mehr. Ich verstehe immer noch nicht so genau, was um mich herum geschieht, aber dass an diesem Ort alles anders ist als so, wie ich es bisher kenne, und statt Eisen Metall genommen wird, habe ich begriffen.

Ich habe mich sogar getraut, in Marits blaue Kutsche zu steigen, habe die Welt durch Glas sehen können, rundherum, vor mir seltsame Knoten und Knöpfe, schwarz und aus Metall, kein Eisen, und ein Rad, an dem Marit drehte. Marit legte mir einen Riemen um, fesseln ist mir nicht fremd, aber als die Kutsche vibrierte und laut wurde und die Welt plötzlich so schnell wurde um mich herum, musste ich die Augen schließen, mein Magen rebellierte. Mit geschlossenen Augen kann ich auch besser an das denken, was ich am liebsten habe auf der Welt, meine kleine Familie.

Da war der schöne Tag vor mehreren Sommern mit Matthes und Alina. Die Stube war von Abendröte erfüllt. Frisch geschnittene Binsen lagen wie grüne Röhrchen unter unseren Füßen, glatt und kühl, als hätten sie den Abend mit ins Haus getragen. Der Duft war feucht und erdig, ein Hauch Boddenmoor mitten in der Stube. Ich rührte in einem hängenden Eisentopf; Kohl, Bohnen und ein Hauch Kümmelduft stiegen auf. Bruder Fidelis kam durch die Tür. „Hmmh, Gottes Wege haben mich direkt zu euch geführt. Es duftet weit über das Dachgebälk, bis in Gottes Himmelsstube.“

Wir boten ihm an, mit uns zu essen. Er liebte es, bei uns zu sein. Er war uns ein älterer Freund, Ratgeber und Lehrer, und für Alina wie ein Großvater. Das Meer hatte ihr beide Großväter viel zu früh genommen.

Matthes saß an jenem Abend auf der Bank, die langen Beine vom Tagwerk schwer, aber in den Augen sein stilles Lächeln. Er stellte dem Mönch einen Teller und einen Becher hin, während er versuchte, Alina die Sterne am Himmel zu erklären. Er und Bruder Fidelis hätten an jenem Abend jedem fahrenden Spielmann Konkurrenz machen können. Sie zeichneten mit ihren Holzlöffeln kleine Wagen und Gürteljäger in die Luft.

Alina, der damals die vorderen Zähne fehlten, prustete und lachte laut vor Vergnügen, als sie die beiden hampelnden Männer sah. Sie pustete eine weizenblonde Strähne fort und wiederholte jedes fremde Wort, das die beiden ihr beibrachten, als lerne sie einen Zauberspruch.

„Wenn du einmal groß bist, findest du deinen eigenen Stern“, hatte Matthes ihr gesagt und sie auf die Wangen geküsst. Bruder Fidelis hatte die Kleine auf den Arm genommen. „Und du findest ihn, indem du zuerst den Nordstern suchst“, ergänzte er damals.

Es war einer der wenigen Augenblicke in meinem Leben, der so süß wie Honig war: der Duft von Kohl, das goldene Flackern der Kienspanlampe, das Rascheln der Binsen wie leises Meeresrauschen.

Nun bin ich hier angekommen, in einem Raum, in dem das Licht opalgrün flimmert wie in einem gefangenen Himmel.

„Der Arzt ist ein guter Freund von mir, liebes Kind. Hab keine Sorge. Er ist eigentlich Schönheitschirurg und nimmt nur Privatpatienten. Aber auf dich ist er gespannt, Sina.“

Ich sitze auf weichem Leder, scheinbar sind hier alle Menschen reich. Die Form erinnert mich an einen Altar, nur dass dieser nicht aus Stein ist und es in dieser Kammer seltsam surrt.

„Das ist eine moderne Untersuchungsliege, die kann man rauf- und runterfahren. Hier lassen sich die Frauen untersuchen, bevor sie ihre Körper glätten lassen. Und das Summen kommt von der Klimaanlage“, höre ich Marit weitersprechen.

Ich versuche zu verstehen, wieso Frauen verknitterte Hintern bekommen. Ich kenne einige Frauen, deren Hintern Striemen von den Gürteln ihrer Männer tragen, aber glatt mit viel Muskelfleisch sind sie alle. Das Leder unter meinen Fingern ist weich, beinahe tröstlich.

Das ist keine Peinbank, rede ich mir ein. Das ist ein Heilerhaus. Mein Herz hämmert wie eine Trommel vor der Schlacht.

Ich schaue an mir herunter: ein Hemdchen, kurz, weiß, mit Blumen und abgeschnittenen Ärmelchen. Es trägt sich angenehm und duftet nach Lavendel und etwas, das ich nicht kenne. Dann das blaue Beinkleid, das Marit „eine Jeanshose meiner Tochter“ genannt hat. Anfangs kam es mir beengt vor, doch jetzt ist es angenehm. Anscheinend tragen hier Frauen Beinkleider. Nur die klobigen weißen Schuhe, die Marit mir reichte, die aussehen wie Folterinstrumente mit Riemen, bin ich nicht bereit anzuziehen. Lieber barfuß!

Die liebe Marit steht neben mir, ein Gottesgeschenk gegen das Verlorensein, und spricht beruhigende Worte. Ich verstehe sie, aber die Stimme klingt, als käme sie durch Wasser.

Ein Mann in weißem Gewand, der Arzt, sagt Marit, streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, während er mich prüfend anschaut. Sein Blick ist freundlich, doch das kalte Metallstiftchen, das er mir in die Armbeuge schiebt, erinnert mich an die kleinen Eisenklammern aus dem dunklen Kerker.

„Nur ein paar Tropfen Blut“, flüstert Marit. „Sie brauchen eine Probe, damit wir wissen, wer du bist.“

Das Röhrchen füllt sich rubinrot. Ich schaue weg. In meinem Leben ist schon zu viel Blut geflossen. Nicht nur meins – auch das von Alina.

Das Bild kommt ohne Vorwarnung in mir hoch, wie ein Schatten, der sich vor die Sonne schiebt. Ein Schwarm Mücken tanzt im goldenen Staub des Abends, als wolle er das Schweigen zerstechen. Sommerstaub liegt in der Luft, und etwas anderes, Schweres, Dunkles. Ein Kleid in Himmelblau. Eine Hand, so kalt, dass mein Herz innezuhalten scheint. Stimmen, die sich wie ein Dornenkranz um mich legen, bekannte Stimmen, doch schärfer, härter als je zuvor. Blicke, die mich durchbohren. Worte, die wie Steine fliegen. Ein kalter Hauch an meinem Rücken, und irgendwo, ganz nah, ein Gesicht wie aus Stein. Ich will nicht weiter zurückgehen. Nicht dorthin.

Ein Schluchzer bahnt sich durch meine Kehle. Die Gegenwart flutet zurück. Weißes Licht, ein stechender Geruch wie gebleichte Lauge aus Holzasche und Kalk, dazu ein Hauch Sanddorn und getrocknete Gänseblümchen, und das Summen des Heilerraumes.

Der Arzt untersucht mich. Er murmelt etwas zu Marit. Ich verstehe ihn trotzdem: „Der Hautfarbe nach zu urteilen, Leberzirrhose, dazu würde auch eine leichte Aszites passen.“

Ich verstehe nicht genau, was er sagt. Aber im Gegensatz zu den Ärzten, die ich kenne, scheint er zu wissen, was er da von sich gibt. Irgendetwas stimmt nicht mit mir.

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