Chapter 18: Kapitel 17

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Das Besprechungszimmer im dritten Stock des Stralsunder Polizeipräsidiums wirkte nüchtern, fast karg. Durch die breiten Fenster fiel der Blick auf den Hafen, grau und träge im Licht des frühen Nachmittags. Nur die Möwen waren rastlos unterwegs. Die Lüftung surrte leise, aus der Ferne drang das Hämmern von Bauarbeitern.

Katja rieb sich die Schläfen. Die Müdigkeit saß ihr in den Knochen, doch sie war wach genug, um jede Nuance dieser Besprechung aufzusaugen. Babsi war tief in ihr Tablet vertieft, Heinrichsen tippte auf seinem Handy.

Konrad Vohwinkel, drahtig, mit dem Oberkörper immer leicht nach vorn geneigt, sprach leise und schnell. „Ich habe den Abschlussbericht von Ullrich zu Faris Mertens. Keine Spuren von Fremdeinwirkung. Keine Hämatome, keine Einstiche außer dem einen, keine Kampfspuren. Der Körper stark abgemagert, massive Organveränderungen. Wichtigster Punkt: Pankreaskarzinom im Endstadium.“

Er legte die Blätter beiseite. „Natürlicher Tod. Auch Ullrich bestätigt das. Der Leichnam wurde auf dem alten Friedhof abgelegt. Keine Schuh- oder Reifenspuren, kein klassischer Tatort.“

Sven lehnte sich zurück. „Also kein Mord. Aber Verstoß gegen das Bestattungsgesetz und Störung der Totenruhe, §168 StGB.“

Katja lächelte leicht; sie kannte seine Vorliebe, Paragrafen auf den Punkt zu bringen. „Und Sina Fehrmann?“

Heinrichsen legte sein Handy weg, senkte die Stimme. „DNA-Profil ist eindeutig. Sie ist Elin Volkmar. Alleinerziehende Mutter, Leiterin eines Frauenhauses, früher linksautonom aktiv. Seit fünfzehn Jahren in der BKA-Datenbank. Hausbesetzungen, Landfriedensbruch, deshalb DNA-Entnahme. Verfahren eingestellt, Spur blieb.“

„Hundertprozentige Übereinstimmung?“ hakte Sven nach.

„Ja. Kein Zweifel. Aber psychisch …“ Heinrichsen stockte.

Sven schlug mit der Faust auf den Tisch. „Also doch! Entweder ist sie auf irgendwas hängen geblieben oder schizophren. Sie nennt sich Sina, behauptet, aus 1489 zu stammen, spricht von einer Hinrichtung und ihrem Mann Matthes. Poetisch, altertümlich, aber versteht alles. Wahnsinn, was man sich alles einbilden kann.“

Katja blieb ernst. „Wir haben Faris, gestorben an Krebs. Und wir haben Elin, unheilbar krank, demnächst Leberversagen. Beide schwer krank, beide mit Tattoo. Das verbindet sie.“

Heinrichsen strich sich über den Bart. „Faris’ Akte: leer bis auf Totenruhe, §168, und Bestattungsgesetz. Kein Mord. Und: laut Ehefrau wollte er es so.“

Sven schüttelte den Kopf. „Und dann kippt der tote Faris einem Bestatter vom Wagen. Ich bleibe dabei, da ist was faul. Aber schwer aufzuklären. Und Elin?“

Katjas Handy vibrierte. „Moment, das ist Marit.“

Sie nahm das Gespräch an. „Ja … wir haben ein Ergebnis. Sina ist Elin Volkmar. DNA eindeutig. Morgen früh Helios Hanseklinikum. Bitte lass sie nicht aus den Augen. Ja, Strand, Blumen pflücken, tu ihr was Gutes.“

Sie legte auf. „Marit bleibt bei ihr. Morgen Klinik.“ Sie seufzte. „Elin, ein ganz normales Frauenhausleben, und plötzlich taucht sie abgemagert in einem mittelalterlichen Gewand auf, redet von 1489. Die Lücke macht mir Bauchschmerzen.“

„Vielleicht liegt die Relevanz woanders“, warf Babsi leise ein. Alle drehten sich überrascht zu ihr.

„Wo denn? Im Märchenwald?“ knurrte Vohwinkel.

Babsi wurde rot. „Ich meine, sie wirkt überzeugt. Nicht verwirrt, sondern klar. Nur eben … aus einer anderen Welt.“

Katja lenkte die Diskussion. „Familie? Freunde?“

Heinrichsen nickte. „Mutter, zwei Töchter, neun und zwölf. Konto seit Wochen stillgelegt, Gehalt an die Mutter überwiesen, Kinder bei der Großmutter. Totenschein von Hausarzt Crämer, unbescholten und empört darüber, dass man seine Kompetenz überhaupt in Frage in stellt.“

Katja schrieb mit. „Also: offiziell tot, Kinder versorgt, Mutter involviert. Aber Elin alias Sina spricht Details, die man nicht einfach erfindet.“

Sven griff ins leere Sideboard. „Babsi, notier: Gummifrösche nachfüllen.“

Vohwinkel schüttelte den Kopf. „Das Tattoo spricht für eine Sekte. Aber keine Hinweise auf eine organisierte Gruppe. Alles wirkt individuell inszeniert.“

Katja stand auf. „Ich will mit ihrer Mutter reden.“

Vohwinkel hob warnend die Hand. „Noch eins: Das Leinengewand ist weg. Ich hatte gestern mit Mitarbeitern aus dem Freilichtmuseum in Groß Raden gesprochen. Sie meinten, wie ich ihnen das Gewand geschildert habe, handelt es sich um ein Hinrichtungsgewand und ich solle es ihnen doch zukommen lassen. Sie würden es für uns untersuchen. Als ich heute Morgen ins Labor kam, war das Paket verschwunden und mit ihm, auch die ganzen Probe. Alles weg und die Daten wurden auch gelöscht. Es ist, als hätte es nie existiert.“

„Wie kann sowas passieren?“

„Keine Ahnung. Vielleicht haben wir intern einen Maulwurf? Immerhin musste sich die Person mit unserem internen Programmen auskennen. Aber ich habe mir gestern aus Gewohnheit eine Übersicht ausgedruckt.“ Er zog ein Blatt aus der Jacke. „Leinen, handgewebt, Rückstände von Asche, Schwefel, Eisenoxid, Pech und Spuren menschlichen Blutes. Alt, degradiert.“

Katja starrte ihn an. „Also tatsächlich ein Hinrichtungsgewand?“

„Möglich. Groß Raden meinte, alles spräche dafür: genäht wie ein Halseisen, mit Schlaufen für Transport. Es wirkte mehrfach benutzt.“

Katja sah hinaus zum Hafen. „Es ist, als wolle jemand, dass wir eine bestimmte Geschichte glauben. Wenn die auch sehr, sehr seltsam anmutet.“

Svens Handy vibrierte. „Ja, Herr Staatsanwalt.“

Seine Stimme blieb ruhig, doch Katja sah, wie sich sein Kiefer anspannte.

Kurz darauf kehrte er zurück. „Die Ermittlungen sind eingestellt. Ab sofort ist das Betrugsdezernat zuständig. Für uns ist der Fall abgeschlossen.“

Katja starrte ihn einen Moment lang an, als hätte er in einer fremden Sprache gesprochen.

„Wie bitte?“ Ihre Stimme war ruhig, fast zu ruhig. „Keine Akte? Keine Zuständigkeit? Die Frau hat sich selbst für tot gehalten, redet vom Jahr 1489, trägt ein… seltsames… Symbol auf der Haut, und bei ihr lag eine nackte Leiche versteckt in einem Friedhofswäldchen. Alles war wie ein inszenierter Fund.“

„Ich weiß“, sagte Sven leise. „Aber Faris ist nachweislich eines natürlichen Todes gestorben. Keine äußere Gewalteinwirkung, keine toxischen Substanzen, keine Fremd-DNA. Und bei Elin… also Sina… sie lebt. Für unsere Abteilung liegt kein Gewaltverbrechen vor. Der Staatsanwalt hat entschieden, den Fall an das Betrugsdezernat zu übergeben. Für die Mordkommission ist die Sache abgeschlossen.“

„Oder wir sehen nur nicht das Verbrechen, das wirklich stattgefunden hat“, erwiderte Katja scharf. „Man kann auch jemanden mit einem Lächeln töten oder durch ein perfekt inszeniertes Verschwinden. Wir haben hier eine Frau, die offiziell tot ist, für deren Kinder Waisenrente beantragt wurde und die jetzt am Strand spazieren geht. Wenn das kein Ermittlungsansatz ist, dann weiß ich auch nicht.“

„Schon“, mischte sich Heinrichsen ein, „aber das ist kein Mord. Das ist, wenn überhaupt, Betrug. Zuständig ist jetzt eine ganz andere Abteilung. Wir können da höchstens noch als Zeugen helfen.“

Babsi hob den Kopf vom Laptop. „Falls es überhaupt Betrug ist. Vielleicht hat die Frau gar nichts davon gewusst. Vielleicht war das alles die Idee der Mutter. Ohne klare Beweise rennen wir hier in jede Menge Vermutungen.“

Katja verschränkte die Arme und hob das Kinn. „Mag sein. Aber bis mir einer beweist, dass ich falschliege, bleibe ich dran.“

Sven seufzte. „Genau das habe ich befürchtet.“

„Ach, und du willst das einfach so schlucken?“ fuhr Katja ihn an.

„Halte dich an die Regeln. Wir haben unsere Anweisungen. Wir sind keine Privatdetektive.“

Sie schnaubte. „Also du findest das nicht seltsam, wenn plötzlich dieser… Leinensack samt allen Proben verschwindet und zeitgleich die Order kommt, die Finger vom Fall zu lassen?“

Sven wich ihrem Blick nicht aus, aber man sah ihm an, dass es in ihm arbeitete.

„Ich will Urlaub, Sven. Sofort. Sonst bin ich krank.“

Für einen Herzschlag lang war nur das leise Surren der Lüftung zu hören. Heinrichsen blätterte in seinen Unterlagen, Babsi hielt den Kaffeebecher in der Hand und tat, als trinke sie.

„Du bist unmöglich“, murmelte Sven schließlich, ein Anflug von Resignation in der Stimme.

„Ich bin ja auch neugierig, verdammt.“

„Dann sind wir uns ja einig.“

Er seufzte, griff zum Telefon. „Na schön. Wir nehmen Überstunden und melden Notfall in der Familie. Aber… keine Alleingänge. Kein Heldenmist.“

Katja nickte, das Lächeln verriet, dass sie schon gewonnen hatte.

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