Chapter 26: Kapitel 25

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Die Luft schmeckt nach Sommer, warm, süß, nach Kräutern und Rauch. Ich sitze still auf meinem Stuhl, den Rücken gerade, die Hände im Schoß gefaltet. Die Stimmen der anderen klingen, als kämen sie von weit her, wie durch einen dünnen Schleier, durch den die Welt flimmert. Der Abend liegt warm auf meinen Schultern, wie ein weiches, vergessenes Tuch. Die Worte der anderen perlen über den Tisch.

Zwischen dem Duft von Rosmarin und warmem Brot knirscht plötzlich Schotter. Ich höre Marits leicht abgehetzte Stimme. „Ich hoffe, die Kohle glüht schon!“ Sie ist zurück. Das Kleid flattert um ihre Beine, der geflochtene Korb hängt mit dünnem Draht am Bügel ihres seltsamen Metallrosses mit zwei Rädern, ein Ding, das man mit den Füßen bewegt, ohne dass ein Tier es zieht. Marit bremst schwungvoll, setzt den Korb auf den Tisch, wirft ein Küchentuch darüber. „Ich habe alles bekommen. Steaks, Würste, Bauchspeck und Grillfackeln. Jetzt kann’s losgehen.“

Katja nickt, aber ihr Blick wandert zu mir. „Was hast du vorhin gesagt? In dieser alten Sprache… als du den Brief gehalten hast. Kannst du es für uns übersetzen?“

Ich schweige. Die Stimmen verschwimmen, das Licht ist plötzlich zu grell. Die Geräusche, zu laut und gleichzeitig zu fern. Ein feiner Schweißfilm kühlt meinen Nacken. Ein Prickeln, wie von winzigen Nadeln, läuft meinen Rücken hinab. Es ist, als versuche etwas in mir, sich zurückzuziehen, fort aus dieser Hülle, in der es gefangen ist. Das hier ist nicht mein Zuhause. Keine Wurzel. Kein Echo, das mir vertraut wäre.

Langsam senke ich den Blick. Diese Beine, zu lang. Diese Hände, nicht meine. Diese Haut, zu glatt. Zu hell. Zu gelb. Zu jung. „Dat is nich mien Körper“, sage ich leise, aber fest. „Nich mine Been. Nich mine Hannen. Nich mien Gesicht.“

Marit, die gerade das Fleisch aus dem Papier wickelt, hält inne. Ihre Hände erstarren, das Messer schwebt in der Luft. „Das wollte ich euch eigentlich schon in der Klinik sagen.“ Ihre Stimme klingt fern. „Der Arzt dort sagte, ihr Zustand sei… ungewöhnlich. Blutwerte, Zellstruktur, das passt nicht zusammen. Einer der Ärzte meinte, es sei, als würde man in einen falschen Spiegel sehen. Das Bild stimmt nicht mit dem überein, was dahinter liegt.“

Konrad legt sein Weinglas ab, seine Brauen ziehen sich zusammen. „Was soll das heißen?“

Marit zögert. „Es heißt, dass dieser Körper, den wir hier sehen, eigentlich nicht mehr leben dürfte. Er ist sterbenskrank. Aber etwas hält ihn aufrecht. Etwas, das die Ärzte nicht kennen. Etwas, das sich nicht erklären lässt.“

Katja legt erschrocken ihren Löffel ab. Schweigen breitet sich aus.

„Es bedeutet“, sage ich und schiebe mir das Haar aus der Stirn, „dass dies nicht mein Körper ist. Dass etwas nicht stimmt, und das spüre ich seit dem ersten Atemzug. Und ich weiß es, seit ich in den Spiegel sah… da war ein fremdes Gesicht. Erst dachte ich, da steht jemand hinter mir. Aber da war niemand. Nur ich oder besser gesagt, sie.“ Ich deute hilflos auf mich. „Dieser Leib… dat bün nich ik.“

Katja und Sven wechseln einen Blick. Ein Blick, der mehr sagt als Worte.

„Es ist Sina“, sagt Katja schließlich leise, als müsse sie sich selbst überzeugen. „In Elins Körper.“

Ich senke den Kopf. Das Schweigen liegt schwer auf uns. Die Blicke bohren sich in mich, so wie damals, auf dem Wagen nach Bergen, zwischen Himmel und Tod. Damals dachten sie, ich sei eine Kindsmörderin. Heute denken sie, ich sei verrückt. Der Blick ist der gleiche, nur die Worte sind andere.

Ich hebe das Kinn an, aber meine Schultern bleiben gesenkt. Der Schmerz in mir ist kein Aufschrei, er ist wie ein feiner Riss durch alles, was ich bin. Wie ein unsichtbarer Peitschenhieb, tief ins Fleisch der Erinnerung. Damals habe ich nicht geschrien. Nicht wegen der Hiebe. Nicht wegen der Seile um meine Handgelenke. Sondern weil Matthes nicht kam. Und Alina war nicht mehr.

Ich sehe zu Marit. Sie weicht meinem Blick nicht aus. „Dieser Körper…“, flüstere ich und lege ihre Hand auf meine Brust, „…er stirbt. Stimmt das?“

Marit drückt meine Hand, nickt. „Autoimmunhepatitis. Endstadium. Es ist ein Wunder, dass du hier sitzt.“

„Ich bin ein Wunder…“

Ich sehe hinaus über die Straße mit den dicken Steinen hinweg, auf die Felder, ins goldene Licht über dem Raps. Ein Wunder. Oder nur eine Frist. Diese Menschen hier, Katja, Sven, Konrad, Henning, sind gute Menschen. Sie wollen verstehen. Und ich weiß, ich bin zurück, nicht um zu klagen, sondern um zu helfen.

„Solang mi de Leev blifft, un de Atem bit in de Nacht, will ick helpen… so wiet as mi de Hannen treckt. Gott segne mi.“

Sie verstehen die Worte nicht. Also sage ich es auf Hochdeutsch: „Solange mir die Liebe bleibt und der Atem bis zur Nacht, will ich helfen. Soweit mich meine Hände tragen. Mit Gottes Segen.“

Der Duft von gebratenem Fleisch steigt auf. Keiner greift zu. Ich seufze, nehme die Zange, verteile Stück für Stück. „Fleesch is kostbar“, sage ich, während ich Sven ein großes Steak gebe. „In min Tiet hett dat so wat nich geven. So veel op eenmol… dat is ’n Gåvet van Gott sülvst.“

Ich nehme mir das letzte Steak, zwinge mich zu einem Bissen. „Wi eten. Un wi snacken över all dat, wat is un wat weer.“

Ich weiß, die Zeit läuft. Der Körper ist ein Gefäß, rissig und schwach. Aber meine Seele ist wach. Vielleicht liegt der Grund für meine Rückkehr in den Papieren. Vielleicht im Tod meiner Tochter. Bald wird dieser Leib versagen, aber solange ich atme, helfe ich. Für die Wahrheit. Für Alina. Für das Richtige.

Am Rand des Gartens steht er, Matthes, wie damals. Seine Kapuze im Wind, Alina an seiner Hand. Lebendig. Stolz. Mein Herz stolpert. Ich weiß, dass da niemand ist. Es ist nur die Erinnerung. Aber sie ist stärker als das Licht. Und dann flüstere ich, kaum hörbar: „Ordo Silentii.“

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